Eine empirisch abgesicherte Extraktion menschlicher Persönlichkeitsmerkmale: FFM, Big 5 und NEO-FFM

Die faktorielle Struktur der Persönlichkeit

Die Entwicklung des Fünf-Faktoren-Modells

Angeregt durch die Extraversionstypologie von C.G. Jung entstanden in den zwanziger Jahren im anglo-amerikanischen Sprachraum mehrere Tests zur Messung von Extraversion, deren Ergebnisse jedoch miteinander nur wenig korrelierten. Dies veranlasste den Psychologen Joy Paul Guilford (1897 –1987) und seine Frau bereits Anfang der 1930iger Jahre, eine repräsentative Itemauswahl aus den verschiedenen Extraversionsfragebögen sowie aus Erhebungen zur Hyper- vs. Hypoaktivität und zur neurotischen Tendenz statistisch auszuwerten und die erhaltenen gemeinsamen Faktoren in weiteren Studien auf ihre Replizierbarkeit und ihre Bedeutung zu untersuchen.(Bartussek, S.55)
 
Einen anderen Ausgangspunkt wählte der amerikanische Psychologe Raymond Bernard Cattell (1905 – 1998), der einen sogenannten lexikalischen Ansatz einführte. Dabei unterstellt man, dass die menschliche Sprache für alle persönlichen Eigenschaften, die bedeutsam, interessant oder nützlich sind oder waren, im Laufe der Zeit spezielle Wörter entwickelt hat. Mit der Wichtigkeit individueller Persönlichkeitsunterschieden stieg dabei auch die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Sprache ein gesondertes Wort hervorbrachte. Daher nimmt dieser psycho-lexikalische Ansatz in der Persönlichkeits-psychologie an, dass die Sammlung der Begriffe eines Sprachraumes, mit denen individuelle Unterschiede beschrieben werden können, den Bereich der relevanten individuellen Differenzen abdeckt.  
 
Grundlage der weiteren Arbeit war eine Liste von 18.000 Adjektiven aus Webster’s New International Dictionary, die Allport und Odbert bereits 1936 erstellt hatten. (Barttussek, S. 68) Aus dieser Sammlung wurden diejenigen Adjektive gefiltert, die sich zur Beschreibung stabiler individueller Persönlichkeitszüge eigneten. Dadurch gelangten die beiden Forscher zu ca. 4.500 Begriffen. Cattell reduzierte diese Liste anschließend mithilfe statistischer Verfahren auf 171 Gegensatzpaare.
 
Mit aufwändigen Berechnungen – die damals noch ausschließlich von
Hand durchgeführt werden mussten - kam er auf sechzehn seiner
Meinung nach grundlegende Persönlichkeitsfaktoren. Der von ihm
entwickelte Fragebogen, der berühmt gewordene “16PF” (16 personality factors) diente dazu, diese Dimensionen zu messen. (Barttussek, S. 68ff.)
 
 
Die Big Five und der Fünf-Faktoren-Modells (FFM) 
  
In den 1980er Jahren konnten die beiden US-amerikanischen Forscher Paul Costa und Robert McCrae die damals vorliegenden Ansätze nicht zuletzt dank der EDV integrieren; denn es gelang ihnen der Nachweis, dass es - unabhängig von den Fragebogeninstrumenten, von statistischen Methoden und vom
Kulturraum - fünf robuste Faktoren als stabile Grunddimensionen der Persönlichkeit gibt. Diese fünf Faktoren – die “Big Five” - können dabei sowohl in Adjektivlisten identifiziert werden als auch in multidimensional aufgebauten Persönlichkeitsfragebögen. Sie fanden sich gleichermaßen in Selbst- wie auch in Fremdbeschreibungen von Personen durch Bekannte und Familienangehörige. Diskussionen gibt es allerdings noch um die endgültige Namengebung der fünf Faktoren. 
 
Der amerikanische Forscher Goldberg wählte für seine Version des Verfahrens den Begriff “Big Five", der heute als kurze Bezeichnung für den Fünf-Faktoren-Ansatz der Persönlichkeitsforschung ganz generell beliebt ist. Auf der Grundlage dieses Fünf-Faktoren-Modells (FFM) entwickelten Paul T. Costa und Robert R. McCrae mit dem NEO-Fünf-Faktoren-Inventar (NEO-FFI) einen heute international gebräuchlichen Persönlichkeitstest, der seit 1993 auch in deutscher Sprache vorliegt.
 
Beide Forscher haben die Big5-Testergebnisse auch mit denen des
MBTI und damit letzthin mit Jungs psychologischer Persönlichkeitsbe-
obachtung verglichen, die ohne jede komplexe faktorenanalytische
Computerrechnung ausgekommen ist. Dabei zeigt sich, dass die in
beiden Testverfahren gleich bezeichnete Dimension „Extraversion“ auch
empirisch hoch korreliert, und zwar ähnlich wie „Offenheit“ (Big5) und „Intuition“ (MBTI). Zusätzlich bestehen deutlich signifikante Zusammen-
hänge zwischen den FFM-Faktoren „Freundlichkeit“ bzw. „Gewissen-
haftigkeit“ auf der einen und den MBTI-Dimensionen „Fühlen“ und
„Judging“ auf der anderen Seiite. Nur der Faktor „Neurotizismus“ besitzt
keine Entsprechung bei den durch Jung bzw. Myers und Briggs ermittel-
ten Dimensionen (Costa/McCrae). Damit lassen sich die Forschungser-
gebnisse, die mit dem MBTI als einem weniger empirisch abgesicherten
Testverfahren gewonnen wurden, zumindest teilweise als psychologi-
sches Wissen weiterhin verwenden. Das gilt vor allem für die Aussagen
über Extra- und Introvertierte sowie Intuitions- und Empfindungstypen.
 
Die fünf FFM-Faktoren und ihre Korrelation mit den MBTI-DImensionen

Dimension
Eigenschaften
(positiver Pol)
Eigenschaften
(negativer Pol)
Korrelation mit Jung-Dimension
Extraversion
gesprächig, freimütig, unternehmungslustig, gesellig
schweigsam, verschlossen, zurückhaltend, zurückgezogen
Extraversion: r = 0,74
Freundlichkeit/
Verträglichkeit
gutmütig, wohlwollend, freundlich, kooperativ
grantig, missgünstig, starrköpfig, feindselig
Fühlen:
r = 0,44
Gewissenhaftigkeit
sorgfältig,
zuverlässig,
genau,beharrlich
nachlässig, unzuverlässig, ungenau, sprunghaft
Judging:
r = 0,49
Neurotizismus
nervös, ängstlich, erregbar, wehleidig
ausgeglichen, entspannt, gelassen, körperlich stabil
    -
Offenheit
kunstverständig, intellektuell, kultiviert, phantasievoll
kunstunverständig, ungebildet, ungeschliffen, phantasielos
Intuition:
r = 0,72

Ein Indiz für die inzwischen erreichte wissenschaftliche Anerkennung der Big5-Persönlichkeitsfaktoren ist ihre Aufnahme in das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im Jahr 2005 (vgl. Gerlitz/ Schupp). In diesem Rahmen werden jährlich bei über 20.000 Personen in etwa 11.000 repräsentativ ausgewählten Haushalten diese Merkmale erhoben und können in Kombinationen mit zahlreichen anderen Daten etwa zur Lebenszufriedenheit ausgewertet werden.
 
Die Big5 in neurobiologischer Sicht
 
Ist so die empirisch nachweisbare Persönlichkeitsstruktur weitgehend unstrittig, konzentriert sich die weitere Arbeit auf ihre Erklärung. Das gilt nicht zuletzt für ihre genetische und neurobiologisdche Erklärung. So hat Angleitner in einer Studie (1997), die die Selbst- und Fremdbeschreibungen von über 2.200 Zwillingen ausgewertet hat, adoptierte Kinder und getrennt aufwachsende Zwillinge vergleichen. Danach sind genetische Unterschiede für die Persönlichkeitsentwicklung von zentraler Bedeutung, und zwar bei allen fünf Faktoren, während die Umwelt und das Erziehungsverhalten der Eltern fast vernachlässigt werden können. Zu einem ähnlichen Ergebnis war zuvor bereits Hans-Jürgen Eysenck gekommen, der den Einfluss des sozialen Milieus mit 30 Prozent veranschlagt.
 
Die Gene wirken dabei über neurobiologische Strukturen. So untersuchte der US-Neuropsychologe Turhan Canli das Gehirn von
Freiwilligen im Magnetresonanztomografen und achtete dabei vor allem auf die Amygdala, eine kleine Gehirnstruktur, die vor allem an der Entstehung von Gefühlen beteiligt ist. Bei psychisch instabilen Menschen fand er eine geringere Nervenkonzentration in der Amygdala der linken Hirnhälfte, bei Extravertierten dagegen eine größere in der rechten Hirnhälfte. (vgl. Paulus)
 
Nach einer anderen Untersuchung reagierte die Amygdala von Extravertierten vergleichsweise stark auf angenehme Fotos, etwa von Welpen und glücklichen Paaren. Ohnehin reagieren Extravertierte reagieren besonders stark auf Umweltreize, die sie als 
erfreulich wahrnehmen. Man nimmt daher an, dass in ihrem Gehirn das so genannte Verhaltenserleichterungs-System mit dem Nervenbotenstoff Dopamin besonders aktiv ist. (vgl. Paulus)
 
Die Bedeutung der Faktoren in Alltag: Beruf und Partner-
schaft (vgl. Paulus)
 
Genetisch bedingt oder nicht - die Big Five beeinflussen das Leben einer
Person erheblich. So sind extravertierte Menschen, deren Gehirn stärker
auf Erfreuliches reagiert, überdurchschnittlich glücklich. Ängstliche und besorgte Menschen sind hingegen eher unglücklich, was beispielsweise Folgen für ihre Ehen hat. So leben psychisch Instabile nicht nur unglücklicher, sondern werden auch häufiger geschieden. Verträgliche und gewissenhafte Eheleute stehen demgegenüber vergleichsweise selten vor dem Scheidungsrichter.
 
Für die berufliche Zufriedenheit ist der Faktor emotionale Stabilität
versus Labilität ein bedeutsamer Prädiktor. So sind emotional Instabi-
lere, die man früher mit dem heute als „unschön“ empfundenen Begriff
„Neurotizismus“  bezeichnet hat, meist generell unzufrieden mit ihren
beruflichen Tätigkeiten, was sich zwangsläufig auf ihre Motivation und
im Endeffekt auf ihre Karriere auswirkt. Aber die Instabileren haben im
Berufsleben auch durchaus gute Startbedingungen. Da sie für den
emotionalen Schmerz anderer empfänglich sind, können sie
ausgesprochen gut als Therapeuten und Pflegekräften arbeiten.  
 
Weil es deutliche Zusammenhänge zwischen der Persönlichkeit und den
Anforderungen zahlreicher Beruf gibt, setzen Psychologen gern
entsprechende Tests ein, wenn ein geeigneter Stellenbewerber
ausgewählt werden soll. Allerdings achtet man dabei auch auf die
sogenannten Facetten, aus denen sich jeder der Big-Five-Faktor
zusammensetzt. So besteht Extraversion beispielsweise aus Wärme, positiven Gefühlen, Geselligkeit, Selbstbewusstsein, Aktivität und Suche nach Aufregung. Diese Komponenten hängen zwar zusammen - sonst würden sie keinen gemeinsamen Faktor bilden -, doch können sie im Einzelfall unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Durch eine derartige Differenzierung lassen sich so Bereiche ausschließen, die für einen konkreten Beruf weniger wünschenswert sind, etwa wenn man Extravertierte sucht, deren Erlebnishunger relativ gering ist.
  
Die Facetten der fünf Faktoren
 
Die aktuelle deutsche Version des Fünf-Faktoren-Inventars enthält fünf Skalen mit je sechs Subskalen, die jeweils wiederum sechs Items umfasst. Die Gesamtitemzahl beträgt
somit 240. Die Beantwortung der Item erfolgt auf einer 5-Punkte-Skala
mit den Endpunkten -2 (völlig unzutreffend) und +2 (völlig zutreffend).
 
                     Die Facetten der fünf Faktoren 

Neurotizismus
Extraversion
Offenheit
Verträglichkeit
Gewissenhaftigkeit
Ängstlichkeit
Herzlichkeit
Phantasie
Vertrauen
Kompetenz
Reizbarkeit
Geselligkeit
Ästhetik
Freimütigkeit
Ordnungsliebe
Depression
Durchsetzungsfähigkeit
Gefühle
Altruismus
Pflichtbewusstsein
Befangenheit
Aktivität
Handlungen
Entgegenkommen
Leistungsstreben
Impulsivität
Erlebnishunger
Ideen
Bescheidenheit
Selbstdisziplin
Verletzlichkeit
Frohsinn
Werte und Normen
Gutherzigkeit
Besonnenheit

Klassifikationen nach den fünf Faktoren
 
Im Hinblick auf konkrete Fragestellungen lassen sich zielgerichtet Klas-
sifikationen vornehmen. Dazu ist es wegen der Zahl der Faktoren
zweckmäßig jeweils nur zwei oder drei herauszugreifen, damit die Typologie überschaubar bleibt und in der Praxis leicht anwendbar ist.
 
Ein Beispiel ist etwa die Fokussierung auf die Faktoren Extraversion
und Offenheit. In diesem Fall wird im Hinblick auf das Freizeitver-
halten und die Auswahl von Hobbys zwischen "Angepassten Konsumen-
ten" (ausgeprägte Extraversion und geringe Offenheit), "Kreativen Partnern" (ausgeprägte Extraversion und Offenheit), "Stubenhockern"
(geringe Extraversion und Offenheit) und "Introspektiven" (geringe Ex-
traversion und ausgeprägte Offenheit) unterschieden. (Kovaleva, S.14)
 
Die Big5 im Netz
  
Eine Einführung in das Big-5 Konzept gibt das Video „The Big Five of
Personality“. Eine kurze Diskussion der Persönlichkeitsfaktoren
von den Promis Paris Hilton, Tom Cruise und Michale Jackson bietet der Clip „Five Personality Traits“.
 
Die Suche nach einem geeigneten Persönlichkeitstest bereitet in diesem
Fall die Qual der Wahl. So findet man einen Big5-Test, der im Jahr 2003 in der deutschsprachigen Version speziell für den Internet-Gebrauch validiert wurde. Weitere Versionen stehen hier und hier zur Verfügung.  

Für die Big5-Interessierten macht der SWR ein ganz besonderes Angebot, denn auf seiner Homepage kann man nicht nur ein Feature von Jochen Paulus „Das Fünf mal Eins der Psychologie - Die wichtigsten Persönlichkeitsmerkmale der Menschen“  lesen und anhören, sondern beide Versionen auch downloaden.

 
Quellen:
Angleitner, A. Erste Ergebnisse der Bielefelder Zwillingsstudie. Pressemitteilung,
Universität Bielefeld 1997
Bartussek, Dieter, Faktorenanalytische Gesamtsystemsysteme der Persönlichkeit, in: Amelang, Manfred (Hg.), Temperaments- und Persönlichkeitsunterschiede, Göttingen/ Bern/ Toronto/ Seattle 1996 (Enzyklopädie der Psychologie. Themenbereich C, Theorie und Forschung. Ser. 8, Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. Bd. 3, S. 51 - 105.
Paulus, Jochen, Das Fünf mal Eins der Psychologie – Die wichtigsten Persönlichkeitsmerkmale der Menschen.
Kovaleva, Anastassiya, Psychologische Konstrukte und Modelle der
Persönlichkeitspsychologie (Der Artikel ist im Internet nicht mehr abrufbar)
McCrae, R. R . u. Costa, P. T., Reinterpreting the Myers-Briggs Type Indicator From the Perspective of the Five-Factor Model of Personality, in: Journal of Personality, 1989, S. 17–40. 
  
Onlineangebote: Webseiten von Theo Fehr, Jeff Potter dem SWR und Wikipedia. 
 
 
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