Eine Typologie mit mystischen Wurzeln und christlicher Karriere

Das „getaufte“ Enneagramm

Der Ursprung des Enneagramms
 
Die Herkunft des Enneagramms, dessen Name sich von dem griechischen Wort für „neun“ (ennea) ableitet, liegt im Dunkeln. Der älteste gesicherte Hinweis stammt aus der Lehre Georg Iwanowitsch Gurdjieffs (vermutlich 1866 - 1949), eines Magiers und Mystikers aus dem Kaukasus. Jedoch ist dabei festzustellen, dass das Enneagramm, obwohl es heute fast ausschließlich als Charaktertypologie verstanden wird, für Gurdjieff mit einem solchen psychologischen Modell nichts zu tun hatte. Für ihn kann der Mensch sich einer göttlichen Wahrheit bzw. einem bewussten Sein nur nähern, wenn alle Teile oder „Zentren“, die laut Gurdjieff den Menschen ausmachen, harmonisch entwickelt und integriert werden. Dazu zählen für ihn das Denken, das Fühlen und die Bewegungen des Körpers, sodass das Enneagramm vor allem ein Schrittmuster meint, wie es Derwische noch heute tanzen.
 
Als kulturgeschichtlicher Hintergrund des Enneagramms werden daher der islamische Sufismus und die jüdische Kabbala vermutet. Öffentlich bekannt wurde das Konzept Gurdjieffs erstmals, als es der kaukasische Magier um 1916 seinen Schülern in Sankt Petersburg vorstellte.

      Georg Iwanowitsch Gurdjieff

  

Der Aufbau des Enneagramms

Enneagramm geometrisch    

  

In geometrischer Sicht handelt es sich beim Enneagramm um ein regelmäßiges Neuneck, das einen Kreis ausfüllt. Die neun Eckpunk-
te werden von 1 bis 9 durchnummeriert und durch ausgewählte
Linien bzw. Pfeile verbunden. In dieser Verknüpfung der neun
Punkte verbirgt sich die Mystik der Arithmetik; denn durch die
Strecken zwischen den Punkten 3,6 und 9 entsteht ein gleichseiti-
ges Dreieck. Die Linienfolge 1-4-2-8-5-7-1 besitzt eine ganz beson-
dere mathematische Eigenschaft. Sie entsteht als Ziffernfolge
immer, wenn man eine Zahl durch 7 teilt. So ist beispielsweise 
100/7 gleich „14,28571429 und 50/7 gleich „7,1428571“.  
 
Beim Einsatz als Persönlichkeits-Enneagramm kennzeichnet die
Reihenfolge dieser Ziffernfolge bzw. der Linienführung auch die  
Richtungen, in die sich die Persönlichkeitstypen bewegen, falls  
sie unter Stress geraten. In der umgekehrten Reihenfolge benennt
sie die Richtung, wenn sie sich entspannen.
 

Das Enneagramm als Persönlichkeitstypologie

Zu einer Persönlichkeitstypologie haben erst einige Jahrzehnte später der Gurdjieff-Schüler Rodney Collin und vor allem Oscar Ichazo, der Leiter des Arica-Instituts in La Paz (Bolivien), das Enneagramm in den 1960er Jahren entwickelt. Der dortige Institutsleiter behauptete sogar, dieses System von Sufimeistern im afghanischen Pamir gelernt zu haben, und zwar bevor er auf Gurdjieffs Schrift stieß. Unabhängig von diesem Streit um Erstgeburtsrechte hat Ichazo eine Verbindung des Enneagramms mit spezifischen menschlichen "Sünden" bzw. "Leidenschaften" hergestellt und damit die Voraussetzungen für die weitere Popularisierung innerhalb christlicher Gruppen und vor allem innerhalb des Jesuitenordens geschaffen. Dazu hat er den klassichen Katalog der sieben Todsünden oder Hauptlaster aus Hochmut/ Stolz (lat. superbia), Geiz/ Habgier (avariria), Ausschweifung/ Genusssucht (luxuria), Maßlosigkeit/ Selbstsucht (gula), Neid (invidia) und Faulheit/ Ignoranz (icedia) um zwei weitere negative Charaktereigenschaften ergänzt. Es sind dies Angst und Lüge. 

In der Beurteilung der Chancen dieses Weges unterscheiden sich christliche und eher innerweltliche Interpretationen. So stellt etwa Ichazo im Rahmen einer umfassenden Heilslehre eine vollkommene Erlösung in Aussicht, bei der mithilfe des Enneagramms, gesunder Ernährung und fleißigen Meditierens das eigene Ego abgebaut und dadurch Glück und Frieden gefunden werden soll.

Das christlich interpretierte Enneagramm

Die eigentliche Geschichte des christlich "getauften" Enneagramms begann erst 1971, als der Psychiater Claudio Naranjo, ein Schüler von Oscar Ichazo, erste Enneagramm-Kurse in den USA anbot. Einer der Teilnehmer war der Jesuit Robert Ochs, der anschließend das Enneagramm in sein Anleitungsbuch "Excercitia spiritualia" übernahm, um die Exerzitienteilnehmer zu demütigen und zu "läutern". Ziel dieses schmerzhaften Selbsterforschungsprozesses ist die Annahme, dass Gott in seiner Liebe erst erkannt werden kann, wenn sich der Übende zunächst selbst erkennt, und zwar mit allen seinen inneren Abgründen. In dieser Interpretation wurde das Enneagramm schließlich ein Mittel der geistlichen Begleitung bei den Jesuiten.

Das Enneagramm definiert in dieser Sicht neun Menschentypen von ihren "Leidenschaften" oder "Wurzelsünden" her, wie diese Persönlichkeitsdefizite in der jesuitischen Tradition genannt werden. Nach Rohr lassen sich die ethischen Schwachstellen als "Abwehrmechanismen verstehen, die in der frühkindlichen Entwicklung eines Menschen eingeübt und aufgebaut wurden, um mit der Umwelt zurechtzukommen". Daneben kann es sich auch um "angeborene" Charaktereigenschaften handeln. (Rohr, S. 36)

 
Die Modellannahmen des Enneagramms
 
Im Modell des Enneagramms werden keine Mischtypen angenommen. Jedoch kann ein Typ auch Eigenschaften eines seiner Nachbarn aufweisen. Man spricht dann von sogenannten Flügeln.
 
Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Typen erfasst diese Typologie durch drei angenommene "Intelligenzzentren": den Kopf, der den Verstand repräsentiert, das mit den Emotionen gleichgesetzte Herz und den Bauch, der für den Instinkt steht.Nach diesem Kriterium werden die drei benachbarten Typen 1 (Perfektionist), 8 (Kämpfer) und 9 (Vermittler) als Bauch-, die Typen 2 (Helfer), 3 (Macher) und 4 (Individualist) als Herz- und die Typen 5 (Denker), 6 (Loyaler) und 7 (Idealist) als Kopf-Typen bezeichnet. 
 
Die neun Typen
 
Für die Beschreibung der Eigenschaften der neun Enneagramm-
typen gibt es eine lange Tradition. Um den Inhalt auf den Kern zu
komprimieren, soll hier auf eine leicht satirische Darstellung der
neun Typen zurückgegriffen werden, wie sie die Enneagrammkurs-
leiterin und Komödiantin Regula Pavelka vor Mitgliedern des
Ökomenischen Arbeitskreises Enneagramm (ÖAE) zeigte.(Caspari/Zink, S. 26)
 
Als Repräsentantin des Typs I führte die Künstlerin in der Rolle einer belehrenden Referentin in das Märchen Rotkäppchen ein. Dabei fragte sie als Perfektionistin, wie dieser Typ auch häufig plakativ bezeichnet wird, nach dem Sinn des Märchenerzählens „in dieser unzulänglichen Gesellschaft im Hier und Jetzt“. Die Antwort war für sie leicht und eindeutig: „Gutes wird belohnt, Böses vernichtet.“ Schließlich wies sie noch auf die zusätzlichen Weiterbildungsangebote für die Veranstaltungsteilnehmer hin und empfahl sie als „einzigen Weg zur Bekämpfung des Unvollkommenen und Bösen".
  
Typ II, der Helfer, verteilte in der Rolle einer liebenswürdigen Oma Bonbons als Mittel gegen Halsweh an die Teilnehmer. Daher stand
für sie auch die Großmutter im Mittelpunkt des Märchens, die wegen einer Erkrankung Essen brauchte, der - kurz gesagt – geholfen werden musste, was Rotkäppchen für ihre Eltern übernahm.
 
Für den Typ III, den Macher, trat die Komödiantin als „erfolgsorien-
tierte Werbefachfrau“ auf, die als wichtigste Requisite zwangsläufig von ihrem Handy eifrig Gebrauch machte. Sie sah sich als Managerin, die das Projekt „Versorgung der kranken Großmutter“ effizient und schnell realisieren wollte.
 
Als Typ IV wählte Frau Pavelka die Verkörperung einer esoterisch angehauchten Individualistin oder Romantikerin. Mit einer violetten Stola bekleidet saß sie auf einem Stuhl, um umständlich Räucherstäbchen anzuzünden. Anschließend warf sie sich dramatisch mit zum Himmel ausgestreckten Armen in Pose und rief: „Die ersten Sonnenstrahlen verjagen die alles umschließende Dunkelheit. O Rotkäppchen – Du nimmst die zauberhaften Düfte der melancholischen Landschaft wahr. Du pflückst und bindest die einfachen Waldblumen zu einem wahren Kunstwerk.“
 
Als Typ V, dem leicht schrulligen Wissenschaftler oder Denker, erschien die Komödiantin mit Brille und einigen Büchern unter dem Arm, aus denen zahlreiche Zettel hervorlugten. In ihrer ausführlichen Einleitung begann sie zunächst einmal mit einer Definition des Begriffs Märchen: „Märchen sind phantasievolle Erzählungen, in denen die Naturgesetze aufgehoben sind und das Wunder vorherrscht.“ Ähnlich gründlich beschäftigte sie sich mit dem Wolf, der wie in einem Lexikonartikel den ZuhörerInnen näher gebracht wurde.
 
Beim Typ VI, dem nachdenklichen, verunsicherten Skeptiker, zeig-te Frau Pavelka zunächst den Widerwillen, den sie beim Betreten einer Bühne empfand, um dann die Ängste zu thematisieren, die sich im Märchen finden lassen. Dabei vergaß sie neben Rotkäppchen auch
den Wolf nicht, der sich möglicherweise auch vor dem Mädchen ge-
fürchtet hat.
 
Als Typ VII spielte die Künstlerin eine unternehmungslustige
Geschichtenmacherin, die kurzerhand als Idealistin in einer modernisierten Kurzfassung des Märchens Rotkäppchen und den Wolf in das Raumschiff Enterprise beamte. Eilig entmaterialisierte sie die Großmutter und Rotkäppchen, um dadurch den Wolf zu stoppen. 
 
Der Typ VIII, der auch als Kämpferin charakterisiert wird, ließ eine sich cool gebende Akteurin auf der Bühne erscheinen, die nicht nur den Jäger im Märchen, sondern das gesamte Publikum zum Kampf gegen den Wolf aufrief. Abschließend schlitzte sie den Wolfsbauch auf, holte die Großmutter und das Rotkäppchen heraus, füllte ihn mit Steinen und versenkte den Wolf im Brunnen. Damit endete diese „echt starke“ Geschichte. 
 
Beim letzten Enneagrammtyp, der IX, trat die Künstlerin beruhigend als Vermittlerin auf, deie im Stil einer gutmütigen Gute-Nacht-Erzählerin ihren Zuhörern erklärte, dass die gesamte dramatische Geschichte eigentlich nicht nötig gewesen wäre, wenn Rotkäppchen ihre Großmutter nicht besucht
hätte.
 
 
  Die christliche Interpretation des Enneagramms 
 
 
Typ
Typbe-zeichnung
Intelligenz-zentrum
Sünde
Vermeidung
Abwehrme-
chanismus
Geistesfrucht
1
Perfektionist
Bauch (Instinkt)
Zorn
Zornver-meidung
Reaktions-kontrolle
Heitere Gelassenheit
2
Helfer
Herz (Emotion)
Stolz
Unterdrückung eigener Bedürfnisse
Unterdrückung
Demut
3
Macher
Herz (Emotion)
Lüge
Versagen
Identifikation
Wahrhaftig-
keit
4
Individualist
Herz (Emotion)
Neid
Gewöhnlich-keit
Künstlerische Sublimierung
Ausgeglichen-heit
5
Denker
Kopf (Verstand)
Hab-sucht
Leere
Rückzug, Segmentierung
Objektivität
6
Skeptiker
Kopf (Verstand)
Furcht
Fehlverhalten
Projektion
Mut
7
Idealist
Kopf (Verstand)
Völlerei
Schmerz
Rationalisie-rung
Nüchternheit
8
Kämpfer
Bauch (Instinkt)
Wollust
Schwachheit
Leugnung
Unschuld
9
Vermittler
Bauch (Instinkt)
Faulheit
Konflikte
Betäubung
Tat
   
 
 
Richard Rohr

Das Enneagramm in Deutschland und der Schweiz

Der Weg des Enneagramms in den deutschen Sprachraum begann mit einem wenig spektakulären, fast zufälligen Ereignis. 1988 besuchte Andreas Ebert, der damals als ev. Pfarrer in Nürnberg arbeitete, in den USA eine Enneagramm-Versammlung des Franziskanerpaters
Richard Rohr. Da der deutsche Pfarrer von diesem psychologisch-spirituellen Persönlichkeitsmodell fasziniert war, schrieb er 1989 zusammen mit Richard Rohr “Das Enneagramm – die 9 Gesichter der Seele”, das zu einem Bestseller wurde.
 
Gleich im Winter1989/90 entstand dann der Ökumenische
Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle., der den Rundbrief
EnneaForum für seine Mitglieder herausgibt, dessen ältere Ausgaben kostenfrei downgeladen werden können. Ein vergleichbares Angebot macht das Enneagramm-Forum Schweiz, wo es zu einem ähnlichen Interesse für das Enneagramm und seine Anwendungen vor allem in der christlich geprägten Erwachsenenbildung und Therapie kam.
 
Das Enneagramm im Netz 
 
Eine erste Einführung in das Enneagramm kann ein Video
geben. Zur Selbsteinordnung nach dem Enneagramm lassen
sich deutsche Enneagramm-Tests verwenden, von denen hier drei aufgeführt werden sollen: Test_1, Test_2 und Test_3. Ebenfalls steht eine Beschreibung der neun Typen zur Verfügung, die auch Hinweise auf persönliche Entwicklungschancen gibt. Fragen können in dem bisher erst wenig aktiven Forum diskutiert werden. 
 
Quellen:
Bartels, Johannes, Auf den Spuren des Enneagramms, in: EnneaForum 17, 2000, S. 17-21, EnneaForum 18, 2000, S. 19-23 und EnneaForum 19, 2001, S. 17-21
Caspari, Andreas und Zink, Ludwig, Humorvolle Höhepunkte beim diesjährigen
Mitgliedertreffen der ÖAE, in: EnneaForum 17, S. 26 – 27.
Rohr, Richard und Ebert, Andreas, Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele,
25. Aufl. München 1995
 
Internetangebote: Wikipedia-Artikel „Enneagramm“, „Georges I. Gurdjieff“sowie „Richard Rohr“, www.enneagramm.de, www.enneagramm.eu und www.enneagrammseiten. 

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