Eysencks Beitrag zur Persönlichkeitsforschung

Die Neuentdeckung der Temperamente durch Eysenck

Eysenck als empirisch orientierter Psychologe

Einen anderen Weg zur Erfassung zentraler Persönlichkeitsmerkmale hat die empirisch ausgerichtete Forschung an den psychologischen Fakultäten der Hochschulen eingeschlagen. Ein besonders markanter Vertreter dieser Richtung war der deutsch-britische Psychologe Hans Jürgen Eysenck (1916 -1997), der 1934 das nationalsozialistische Deutschland verließ.
 
   Hans Jürgen Eysenck
 
In seinen Forschungen war Eysenck zwar ein vehementer Anhänger empirischer und statistischer Methoden. So bediente er sich, aufbauend auf den Arbeiten von Charles Spearman (1863 – 1945),  schon sehr früh der Faktorenanalyse in der Intelligenz- und  Persönlichkeitsforschung.    
  
Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er in einem Nothospital und untersuchte die Glaubwürdigkeit psychiatrischer Diagnosen. Dabei gelangte er zu einer kritischen Bewertung.
 
In der Intelligenz-Forschung setzte er die Forschungen seines Lehrers Burt fort und versuchte, den ererbten Anteil der Intelligenz zu be-stimmen, den er bei 70−80 Prozent sah. Seine Interpretation der Daten von Intelligenzunterschieden der schwarzen und weißen US-Amerikaner in "Race, Intelligence and Education" (1971) haben ihm den Vorwurf des Rassismus eingebracht.
 
Eysenck evaluierte ab 1952 die Heilungserfolge der Psychoanalyse und fand, dass die Therapie nach Sigmund Freud (1856 – 1939)  nicht nur genauso wenig zur Gesundung der Patienten beizutragen scheint wie eklektische Therapien, sondern die Besserung durch Spontanheilungen sogar behindern kann. Nach seiner Untersuchung zeigten 44–64 Prozent der langjährig Behandelten eine Besserung, jedoch 72 Prozent einer unbehandelten Kontrollgruppe. Dies war der Beginn von Eysencks Psychoanalyse-Kritik, die ihm ebenfalls viele Anfeindungen eintrug, da sie dem Mainstream in Wissenschaft und Gesellschaft widerspricht.
 
Die Persönlichkeitstheorie Eysencks
 
Eysencks dritter wissenschaftlicher Schwerpunkt war die Persönlich-keitspsychologie. Dabei entwickelte er in über vierzigjähri-ger empirischer Arbeit ein Persönlichkeits-Faktoren-Modell, das er inhaltlich stetig leicht verändert hat. (Batussek, S. 58)
 
Die Grundannahmen des Eysenck-Modells
 
Seine Forschungen gingen dabei nach einigen Grundsätzen vor, die die Psychologie zu einer Wissenschaft auf einer streng empirischen Grundlage machen sollten:
  
 1. Ein valides, möglichst umfassendes faktorielles Beschreibungssystem der Persönlichkeit muss einige wenige, sehr allgemeine Dimensionen auf hohem Abstraktionsniveau vorsehen. (Ebenda, S. 58)
 
2. Es muss einen kontinuierlichen Übergang zwischen normalem Verhalten und psychopathologischen Auffälligkeiten (Neurosen, Psychopathien und Psychosen) geben, die sich auf die Grund-dimensionen der Persönlichkeit beziehen lassen. (Ebenda)
 
3. Als Grunddimensionen der Persönlichkeit sollen nur solche Faktoren gelten, die eine starke genetische Determination und damit eine biologische Basis aufweisen. (Ebenda, S. 59)
 
 
Die empirische Analyse der Persönlichkeit
 
Der Ausgangspunkt für die Entwicklung der faktorenanalytischen Persönlichkeitskonzepte "Neurotizismus" und "Extraversion", die bis heute zwei der drei großen Faktoren des Eysenckschen Systems darstellen, war eine Untersuchung an 700 ausgewählten "neurotischen" Soldaten (Eysenck, 1947), über die eine große Zahl von routinemäßig erhobenen Daten vorlagen. Die Untersuchungsergebnisse wurden 1947 veröffentlicht (Bartussek, S. 59)
 
Von den vorliegenden Merkmalen wurden 39 ausgewählt und einer Faktorenanalyse unterzogen. Mit diesem statistischen Verfahren lassen sich „Faktoren“ genannte Konstrukte bestimmen oder „extrahieren“, die empirisch vorhandene Ähnlichkeiten vereinfacht abbilden können. In diesem Fall stellte der erste der vier extrahierten Faktoren einen Generalfaktor dar und wies hohe Zusammenhänge oder „Ladungen“ mit Urteilen wie "schlecht organisierte Persönlichkeit", "abhängig" oder "abnormal vor der Krankheit" auf. Eysenck bezeichnet ihn als "Fehlen von Persönlichkeitsintegration" oder "Neurotizismus". (Ebenda, S. 59f)
 
Der zweite Faktor besitzt hohe Ladungen für die Variablen "Ängstlichkeit", "Depression" und "zwanghaft". Entsprechendes gilt auf der entgegengesetzten Seite des Faktors für die Variablen "wenig Interesse", "geringe Energie", "hysterische Symptome" und "Sexanomalien". Eysenck bezeichnete diesen Faktor in Anlehnung an Jung als "Dysthymie versus Hysterie" oder "Introversion versus Extraversion". (Ebenda, S. 60) 
  
Der Neurotizismusfaktor trennt zwischen Neurotikern und Normalen, während der Extraversionsfaktor innerhalb der Gruppe der Neurotiker zwischen Angst- und Zwangsneurotikern auf der einen und Menschen mit stärker hysterischen Neuroseformen auf der anderen Seite differenziert. (Ebenda, S. 60)
Die Frage nach der Einordnung psychotischer Krankheitsformen in diesem Modell, führte zur Entwicklung des dritten Persönlichkeitsfaktors, der für Psychotizismus steht. (Ebenda)
Auch wenn diese drei Eysenck-Faktoren ursprünglich aus klinisch-psychologischen Ansätzen stammen, lassen sie sich gleichzeitig als grundlegende Persönlichkeitsfaktoren normaler Menschen verwenden. (Ebenda, S. 61)  
 
 
Empirische Belege für die  Temperamentenlehre
   
Blendet man den relativ schwach definierten „Psychotizismus" aus, hat Eysenck ein Persönlichkeitssystem entwickelt, bei dem sich die Persönlichkeit jedes Individuums als Resultat der Ausprägung der Dimensionen Introversion - Extraversion und Labilität - Stabilität beschreiben lässt. So überschneidet sich die Temperamentenlehre des Hippokrates mit der von Eysenck: Der Phlegmatiker ist introvertiert und stabil, der Melancholiker introvertiert und labil, der Sanguiniker extravertiert und stabil und der Choleriker extravertiert und labil. 
 
Mit dieser Zuordnung seiner Faktoren zu den antiken Temperamenten lehnte sich Eysenck an die Forschungen von Pavlov an, bei denen die Erregung und die Hemmung bei neurologischen Prozessen im Mittelpunkt stand.
 
      Eysencks Interpretation der antiken Temperamente

Introversion-Extraversion
Labiliät-Stabilität
Temperament
Psychische Eigenschaften
introvertiert
stabil
Phlegmatiker
vernünftig, von hohen Prinzipien geleitet, beherrscht, beharrlich, standfest, ruhig
introvertiert
labil
Melancholiker
ängstlich, beunruhigt, unglücklich, misstrauisch, ernst, gedankenvoll
extravertiert
stabil
Saguiniker
verspielt, gutmütig, gesellig, sorglos, hoffnungsvoll, zufrieden
extravertiert
labil
Choleriker
schnell erregt, egozentrisch, exhibitionistisch, hitzköpfig, theatralisch, aktiv

  
Neurophysiologische Erklärungshypothesen (vgl. Müller)
 
Bei diesen Arbeiten ging es Eysenck zwar auch um eine empirische Begründung der antiken Temperamentenlehre und der Jungschen Dichotomie Extra- und Introversion. Sein Hauptinteresse galt jedoch einer verlässlichen Messung von Persönlichkeitsmerkmalen und vor allem ihrer Rückführung auf genetische Unterschiede.
 
Er bezog sich dabei auf zwei funktionelle neurophysiologische Systeme: das Aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem (ARAS) und das Limbische System; Eysenck vermutete die biologischen Grundlagen für die Typdimensionen in individuellen Unterschieden in neurophysiologischen Erregungs- und Hemmungsprozessen.
  
Die Dimension Extraversion - Introversion
 
Um den Zusammenhang zwischen genetisch vorgegebenen Gehirnstrukturen und Persönlichkeitsmerkmalen zu konkretisieren und empirisch zu belegen, arbeitete Eysenck mit einer Reihen von Teilannahmen, die er in Experimenten näher untersuchte. So vermutete er beispielsweise bei Extravertierten eine höhere Erregungsschwelle des ARAS. Daher erleben Extravertierte ständig verminderte Erregungsprozesse durch die Umwelt, die zudem mit hemmenden Impulsen des Körpers verbunden sind.

Bei Introvertierten verhält es sich entgegengesetzt: Sie sind chronisch reizüberflutet. Eysenck ging deshalb davon aus, dass Introvertierte aufgrund ihres höheren Erregungspotentials leichter konditionierbar sind als Extravertierte.

Als Folge dieser unterschiedlichen Erregungsvorgänge streben die Individuen nach einem jeweils für sie bzw. ihren Typ optimalen Erregungsniveau des ARAS. Deshalb suchen Extravertierte ständig Situationen mit hoher Stimulation, während Introvertierte ihr optimales Erregungsniveau viel schneller erreichen und daher eine zu starke Stimulation lieber vermeiden.

Aus diesen Erkenntnissen leitet Eysenck eine Reihe praktischer Tipps ab. So können Introvertierte z. B. am besten zu Hause allein und ohne Musik lernen, während Extravertierte zusätzliche Stimulationen wie den Kontakt mit anderen Menschen oder Musik benötigen. Außerdem sollten Extravertierte Berufe wählen, in denen sie eine ständige Interaktion mit anderen Menschen erwarten können, während für Introvertierte eher Berufe empfehlenswert sind, in denen sie sich zumindest zeitweise zurückziehen können und in denen sie nicht ständig neuen Umweltreizen und Aufgaben ausgesetzt sind. Entsprechendes gilt auch für das Privatleben, wo Introvertierte wenige soziale Kontakte und Small Talk benötigen als Extravertierte.

 

Die Dimension Labilität – Stabilität (Neurotizismus)
 
Analog zur Dimension Extraversion-Introversion sieht Eysenck im Bereich Labilität –Stabilität eine Ableitung aus einer autonomen physiologischen Erregung. Danach reagieren labile oder neurotische Persönlichkeiten stärker auf leicht bis stark angst- und stresserregende Situationen als emotional stabile Individuen. Zudem benötigen sie nach derartigen Erregungen länger, um wieder in ihren ,,Normalzustand" zurückzukehren.

Als Erklärung dient Eysenck das Limbische System, also u.a. Teil das an der Steuerung aller Verhaltens- und Denkprozesse beteiligt ist. Neurotisches Verhalten ist damit Ergebnis einer starken Reaktion des autonomen Nervensystems auf externe Reize.
 Die Universalität des Drei-Faktoren-Modells 

Um die Universalität der drei Faktoren zu belegen, zieht Eysenck neben Testpersonen aus zahlreichen Kulturen und ethnischen Gruppen auch die Verhaltenunterschiede bei Tieren heran, auf die bereits Pavlov aufmerksam gemacht hatte. Eine zusätzliche Bestätigung für die Invarianz haben mehrfache Tests der Persönlichkeitsfaktoren bei denselben Individuen, die sogenannten Längsschnittuntersuchungen, erbracht; denn die Faktorenstrukturen änderten sich bei denselben Testpersonen im Kindes-, Jugend-, Erwachsenen- und Seniorenalter kaum. Nicht vergessen werden soll in dieser Reihe der Bestätigungen jedoch auch, dass sich die Eysenck-Faktoren in sehr vielen alternativen Persönlichkeitssystemen wiederfinden lassen. (Battussek, S. 65)

Daher kann es nicht überraschen, wenn Wissenschaftler die inzwischen deutlich älter gewordenen Tests weiterhin verwenden. Das gilt für die gesamte Kette der von Eysenck entwickelten Tests. Zeitlich am Beginn steht das Eysenck Personality Quenstionnaire (EPQ) (1975), dessen deutsche Version als Eysenck Persönlichkeits-Inventar (EPI) angeboten wird. Später folgten die Revisionen (EPQ-R) (1985) und EPQ-R (EPS) (1991).
     
Eysenck im Netz
Ein aus Übersichtsfolien erstelltes Video gibt eine kurze Einführung in die Forschungsergebnisse des deutsch-britischen Psychologen. Seine Intelligenzforschung und seine kritische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse lassen sich in zwei Videos nacherleben, in denen der Forscher sich interviewen lässt (Interview_1 und Interview_2 ). Ein Persönlichkeitstest liegt als kostenfreies Online-Angebot nur auf Englisch vor. Dasselbe gilt für eine spezielle Webseite, die auch nach seinem Tode noch aktiv ist.
 
Quellen:
Bartussek, Dieter, Faktorenanalytische Gesamtsystemsysteme der Persönlichkeit, S. 51 - 105, in: Amelang, Manfred, Temperaments- und Persönlichkeitsunterschiede, Göttingen u.a. 1996.
Eysenck. Hans-Jürgen u. Wilson, Glenn, Teste dich selbst. Die Aspekte der Persönlichkeit, München 1976
Müller, Stefanie, Hans-Jürgen Eysenck - Eine biopsychologische Persönlichkeitstheorie, Seminararbeit Uni Greifswald 1999.
 
Internetangebot:Eysencks posthume Webseite und Wikipedia sowie Youtube.

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