Der Myers-Briggs Typen-Indikator (MBTI)

Von Jung zum praktischen Test 

Die Entstehung des MBTI

Während der Schweizer Psychiater C. G. Jung (1875 - 1961) zahlreiche Patienten und Patientinnen sowie seine Kollegen unter den Psychoanalytikern beobachtet hat, um nach einer Persönlich-keitstypologie zu forschen, gab ein ganz anderes Problem den entschei-denden Impuls für das Typisierungsverfahren, das als Myers-Briggs Typen-Indikator (MBTI) bekannt werden sollte.
 
Später antwortete Katherine Briggs (1875 – 1968) Tochter Isabel (1897 – 1980) auf eine Frage nach den Hintergründen ihrer Beschäftigung mit Persönlichkeitstypen kurz und knapp mit der Aussage. „Weil ich meinen Mann geheiratet habe“. Hinter dieser sybillinischen Erklärung steht eine Diskussion zwischen einer Mutter und ihrer Tochter, wie sie vermutlich häufig erfolgt. Sie begann als Isabel ihren Freud während der Weihnachtsferien mit nach Hause brachte und ihre Mutter Katharine ängstlich feststellte, dass sich die beiden Verliebten deutlich unterschieden. So hat das Mutter-Tochter-Typisierungsteam Isabel später als INFP klassifiziert, den zukünftigen Ehemann hingegen als ISTJ.
 
Der erste Eindruck beschäftigte die Mutter sehr, denn sie hielt ihren möglichen zukünftigen Schwiegersohn zwar für einen großartigen jun-gen Mann, aber für einen Menschen, der anders war als die übrigen Familienmitglieder. Diese Unruhe ließ sie zahlreiche Biografien lesen und einige grobe Typisierungsversuche beginnen. Aber alle Versuche von Mutter und Tochter führten zu keinem schlüssigen Konzept, bis ihnen der Zufall zur Hilfe kam. Katharine Briggs entdeckte das Typen-buch des Schweizer Psychoanalytikers und kommentierte ihren Fund gegenüber ihr Tochter mit den Worten: "Das ist es!" Mit Jung im Kopf beobachteten die beiden dann weitere zwanzig Jahre menschliche Typen.
 
Die Dimensionen des MBTI
 
Um die Jungschen Begriffe leicht messen zu können, tüftelten die beiden Frauen ein System von Merkmalen und Einzelfragen aus, das die Jungschen Typen empirisch erfassbar und nachweisbar machen sollte. Dabei betrachteten sie neben den Einstellungsdimensionen Extraversion - Introversion jeweils die beiden rationalen bzw. irrationalen Bewusstseinsfunktionen als dichotome Dimensionen. Außerdem führten sie eine vierte Dimension ein, um die Unterscheidung von Haupt- und Hilfefunktionen empirisch in den Griff zu bekommen. Neben Extraversion - Introversion, Denken - Fühlen und Wahrnehmen – Intuieren umfasst ihr Modell daher noch das Gegensatzpaar Urteilen (judging) – Anpassendes Wahrnehmen (perceiving).
 
1962 war dann dieser Test ausgereift und wurde nach seinen Autorinnen Myers-Briggs Typen-Indikator (MBTI) genannt. Die konkrete Arbeit des Mutter-Tochter-Teams bestand darin, für die vier Dimension einzelne Aussagen zu finden, um sie zu erfassen und dann auf dieser Grundlage die befragten Individuen einzuordnen. Eine wichtige Fundstelle für ihre einzelnen Fragen war dabei neben ihren Primärerfahrungen die Lektüre des Jungschen Typenbuches.
 
1) Die Dimension Extraversion (E) - Introversion (I) bezogen Myers/Briggs auf die Quelle von Energie, Motivation und Inspiration, die entweder von außen oder von innen kommen kann.
 
2) Die Unterscheidung zwischen Sensitivität (Sensoring (S)) und Intuition (N) zielt auf die Art, wie ein Mensch die Wirklichkeit wahrnimmt. Ein S-Typ achtet so vor allem auf die Fakten, Details und Realitäten des Hier und Jetzt, während sich der Intuitive mehr auf die Verbindungen zwischen den Fakten und auf die Vorstellungen und Ideen konzentriert, die mit der Information assoziiert werden können.
 
3) Die Dichotomie Denken (Thinking (T)) versus Fühlen (Feeling (F)) meint die Form der Entscheidungsfindung. Während der Denktyp auf der Grundlage von Fakten logisch zu entscheiden und zu handeln versucht, treffen Gefühlsmenschen ihre Entscheidungen hauptsächlich mit Hilfe emotionaler Eindrücke, nach denen sie zwischen richtig und falsch unterscheiden. Mit diesem differierenden Entscheidungsverhalten sind weitere psychische Merkmale gekoppelt. So erscheinen rationale Menschen eher ruhig, analytisch und überzeugt von logischer Argumentation, während Gefühlsmenschen eher sensibel und mitfühlend sind und sich von situativen Stimmungen beeinflussen lassen.
 
4) Die vierte Dimension Beurteilen (Judging (J)) - Anpassendes Wahrnehmen (Perceiving (P)) erfasst die Entscheidungssituationen, in denen sich jemand besonders wohl fühlt. Dabei bevorzugen beur-teilende Personen eine strukturierte, vorhersagbare Umgebung, in der sie alles unter Kontrolle haben und ihr Handeln planen können. Anpassend wahrnehmende Personen gefällt hingegen eine flexible, offene Umgebung besser, in der sie auf unerwartete Ereignisse und Möglichkeiten spontan reagieren können. Auch in diesem Fall besteht eine Verbindung mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen; denn beurteilende Menschen verhalten sind vorsichtiger und teilweise gehemm-ter, während die anpassend Wahrnehmenden spontaner und manchmal sorglos handeln.
 
Im Ergebnis lässt sich durch diesen Test jeder Mensch nicht nur physi-kalisch durch Größe und Gewicht oder eben Ober-, Taillen- und Hüftweite kennzeichnen, sondern auch psychologisch genau erfassen. Die Messung wird allerdings nicht durch Zahlen, sondern durch eine vierstellige Buchstabenkombination dargestellt, wobei die Buchstaben jeweils den höchsten Messwert anzeigen. Ein ENTP ist so ein geselliger, spontan handelnder Mensch, der seine Umwelt in größeren Zusammenhängen wahrnimmt und nach sachlichen Gründen entscheidet.    
 
Typen und gegenseitiges Verstehen
 
Besonders populär wurde diese Typisierung in den USA durch den 1978 erschienenen Bestseller "Please Understand Me" des Psychologie-professors David West Keirsey (geb. 1921), der auch einen verein-fachten Test, der Keirsey Temperament Sorter, entwickelte, den jeder interessierte Laie kostenlos anwenden kann, womit dann ein ent-sprechend großes Interesse geweckt wurde. Schließlich enthält seine Buch für jeden Typ eine Beschreibung, die sowohl der Selbsterkenntnis dienen kann als auch zahlreiche Hinweise zur eigenen Entwicklung gibt.
 
Um die Typisierung zu vereinfachen, gelangt Keirsey wieder auf die schon in der Antike bevorzugte Zahl vier, da für ihn die Kombinationen SP, SJ, NT und NF unabhängig von den Ausprägungen in der Einstellungsskala ganz besonders wichtig sind. Er spricht daher auch wieder von Temperamenten. Daher führt er für diese auch eigen-ständige Bezeichnungen ein, die das jeweils besonders Charakter-istische hervorheben sollen. Die bloße Aneinanderreihung von zwei Buchstaben gewinnt so an Farbe, indem er die jeweiligen Typen als Handwerker (artisans für SP); Wächter (guardians für SJ), Vernunftmenschen (rationals für NT) und Idealisten (idealists für NF) benennt und damit eine schnell fassbare Bedeutung gibt.
 
Relativ bekannt wurden die amerikanischen Typentests in Österreich durch eine ORF-Sendung im Oktober 2003 (Einstein). Damals nahmen an einem Keirsey-Test, der als Unterhaltungssendung zur besten Sendezeit an einem Samstagabend präsentiert wurde, über 230.000 Öster-reicherInnen teil, wobei die Frauen mit einem Anteil von 60% deutlich überrepräsentiert waren.
 
Auch im Ergebnis gab es überraschende Häufungen; denn über 60 Prozent rechneten sich dem Temperament Wächter zu, während auf die Vernunftmenschen nur 7,4 Prozent entfielen. Noch deutlicher werden diese Abweichungen von einer auch nur annähernden Gleichverteilung, wenn man sich auf die Ebene der 16 Typen begibt. So rechnet sich mehr als ein Fünftel dem Typ Versorger zu, der es bei den Frauen auf 25,5 Prozent und den über 60jährigen sogar auf 28,1 Prozent brachte. Hingegen findet man unter den Frauen kaum Bastler- und Erfinderinnen, die nur Anteile von sehr bescheidenen 0,7 und 0,8 Prozent erreichten.
 
Österreich muss danach ein Land glücklicher Menschen sein, da bei den Versorgern „freundliches soziales Benehmen in ihrer Natur“ liegt und „daher auch die meisten anderen Typen gut mit ihnen“ auskommen. Dieses positive Urteil gilt in ganz besonderer Weise auch für die Kinder; denn Versorgerinnen sind „begeisterte Mütter“, die hierin ihr „erstrebenswertes Lebensziel“ sehen.
 
            Keirsey: Temperamente und Charaktertypen  

SP: Handwerker
SJ:
Wächter
NT: Vernunft-menschen
NF:
Idealisten
ESTP:
Macher
ESTJ: Anführer
ENTJ:
Lenker
ENFJ:
Lehrer
ISTP:
Bastler
ISTJ: Inspektor
INTJ:
Denker
INFJ:
Berater
ESFP:
Künstler
ESFJ: Versorger
ENTP:
Erfinder
ENFP:
Kämpfer
ISFP:
Komponist
ISFJ: Beschützer
INTP:
Architekt
INFP:
Heiler

Keirsey machte sich jedoch auch Gedanken über eine gute Kombina-tion der Typen in Lebenspartnerschaften. Dabei votiert er für eine Verbindung von Gegensätzen, indem für ihn Beziehungen zwischen Wächtern (SJ) und Handwerkern (SP) sowie zwischen Vernunftmenschen (NT) und Idealisten (NF) die besten Paare ergeben. Als Begrün-dung greift er dabei auf seine eigenen Beobachtungen zurück, nach denen sogar nach dem Scheitern einer Beziehung die jeweiligen Partner wieder sehr stark zu einem neuen Partner tendieren, der dasselbe Temperament wie der alte besitzt. Es werden also nur die Vertreter ein und denselben Temperaments ausgetauscht, während die psychische Präferenz erhalten bleibt. So gibt es für Keirsey zwar keine richtigen oder falschen Verbindungen von Typen, aber doch deutliche empirische Regelmäßigkeiten mit wahrgenommen Vorzügen gegenüber anderen Kombinationen.
 
Seine Arbeiten sind jedoch vor allem ein Votum für das gegenseitige Verständnis der unterschiedlichen Typen.
 
Von Persönlichkeits- zu Liebestypen
 
Der Psychologe Alexander Avila (1999) verspricht mit einem System von Liebestypen, die sogar als LoveTypes ein eingetragenes und damit geschütztes Warenzeichen sind, eine Dating-Revolution, denn immerhin soll sich auf diese Weise für jeden der wahre Soulmate sofort erkennen lassen, wenn man ihn denn getroffen hat. Man muss nur seinen eigenen MBTI-Typ sowie den des Dating-Partners bestimmen und kann dann nachschlagen, ob sich ein weiteres Date lohnt oder nur zur Verliebtheit in einen Falschen führen kann.
 
Auch bei ihm steht - ganz wie bei Keirsey - die Frage des gegensei-tiges Verstehens im Vordergrund, da für jeden der sechzehn Typen Liebe eine andere Bedeutung hat. Ein gegenseitiger Vorwurf, wie "Du liebst mich gar nicht", kann daher schlicht und einfach ein typspezi-fisches Missverständnis sein; denn während ein INFJ sich in Gemüt, Herz und Seele von Liebe durchdrungen fühlt, möchte sie ein ISTP im Handeln erleben. Für einen ISFJ ist die Liebe, ganz unhinterfragt, ein Wert, für den es sich zu opfern lohnt. Demgegenüber sieht sie ein INTJ als Objekt, das er analysieren und verbessern kann.
 
Ohne die Übersetzungshilfen von Avila treten so erhebliche Verständi-gungsprobleme auf. Nicht nur Frauen und Männer sprechen eine un-terschiedliche Liebessprache, sondern eben auch die Typen, sodass leicht Unverständnis die Folge sein kann. Daher votiert Avila mit einigen Abweichungen, die im Detail zu einem recht komplizierten Emp-fehlungsschema geführt haben, im Prinzip für Partnerschaften zwischen Angehörigen desselben Typs.  
 
Typspezifische Informationsaufnahme und Herangehensweise
 
Für MBTI-Anhänger ist die richtige Kombination von Typen ein ganz wichtiger Schlüssel, um zur Lösung individueller und sozialer Probleme zu gelangen. Das gilt sowohl für die Partner- und Berufswahl sowie die Zusammensetzung von Gruppen in allen Bereichen des Lebens als auch für die Vermittlung von Lerninhalten in der Ausbildung und bei der Erstellung von Coaching-Programmen.  
 
Nach Stöger/ Vogl „verfügt“ so beispielsweise jeder Trainer „praktisch über eine Erfolgsgarantie für jedes Seminar“ (Stöger/ Vogl, S. 11), wenn er vorab die typischen Eigenarten seiner Teilnehmer ermittelt und seinen Stil entsprechend ausgerichtet hat. Für diese beiden Autoren liegt das Resultat einer Veranstaltung „nicht an Inhalt oder Methode, sondern an der richtigen Passung". (Ebenda)
 
Die Erklärung für diese Aussagen liefert die typenspezifische
Informationsaufnahme und Herangehensweise der Teilnehmer, auf die sich ein Seminarleiter einstellen muss. Seine Aufgabe ist es, den Stoff so zu präsentieren, dass er bei allen „ankommt“. Er sollte daher entsprechend dem Gros der Teilnehmer beispielsweise größere Zusammenhänge in seiner Darstellung berücksichtigen oder sich stärker auf Einzelfakten und Details konzentrieren.
 
Generell will so der MBTI-Ansatz niemanden zu etwas zwingen, was seinem Typ widerspricht. Man sieht es vielmehr als „Fehler, wenn Eltern ihre Kinder zu etwas anderem (oder sich selbst ähnlichem) machen wollen als sie sind, und das Kind dadurch zu einem "unechten" Typus erziehen oder zwingen.“ (Wildenmann, S. 76) Stattdessen soll sich jeder so entwickeln, „wo auch in der Disposition seine Stärke liegt. (ebenda)
 
Mit diesem Grundkonzept geht man an die Lösung der Probleme des
Alltagslebens, also die Berufs- und Partnerwahl sowie vieles mehr. Wie die Beispiele von Keirsey und Avila zeigen, ist es dabei nicht immer einfach, auch tatsächlich etwas zu finden, was wirklich passt.
 
MBTI im Netz
 
Eine englischsprachige Einführung in den MBTI gibt ein Video.  
Daneben findet man im Netz eine Reihe von Tests, die sich zumeist
an der Keirsey-Version orientieren. Der MBTI selbst ist
urheberrechtlich streng gestützt und lässt sich nur kostenpflichtig
durchführen. Hier soll auf die Version 1, die  Version 2, die Version 3 und die Version 4 hingewiesen werden. Alle vier Versionen sind auf Deutsch und häufig Übersetzungen oder Anlehnungen an den Keirsey-Test.
 
Quellen:
Bents, Richard umd Blank, Reiner, Typisch Mensch. Einführung in die Typen-theorie, 3., überarbeitete Auflage, Göttingen 2005
Stöger, Gabriele und Vogl, Mona, Mit Menschenkenntnis zum Seminarerfolg. Persönlichkeitsprofile erkennen und nutzen, Weinheim/ Basel 2004
Wildenmann, Bernd, Die Persönlichkeit des Managers, Göttingen/ Bern/ Toronto/ Seatlle 2000
 
 
 
 

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