Die "Temperamente" der Großhirnrinde

Der russische Physiologe Pavlov als Typologe

Die Karriere Pavlovs

Wir alle haben es schon erlebt! Einer unserer Bekannten ist schnell hell-
auf begeistert, wenn wir ihm einen Vorschlag machen, während ein an-
derer auch durch zündende Ideen kaum aus seinem Alltagstrott heraus-
zureißen ist. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel! Eltern mehrerer
Kinder erleben immer wieder deren Verhaltensunterschiede. Während
etwa ein Kind sich rasch störende Essmanieren abgewöhnt, nimmt ein
anderes lieber Konflikte in Kauf, nur um sein Verhalten nicht ändern zu müssen.
 
Solche Verhaltensunterschiede kennt jeder. Doch wie lassen sie sich er-
klären?
 
Ein Zufall und ein Forscher, der die mögliche Bedeutung einer kleinen Beobachtung richtig erahnte, haben auf der Suche nach einer Antwort
geholfen.
 
In jenen Jahren, als C.G. Jung die Erfahrungen seiner ärztlichen Hausbesuche zu seiner Persönlichkeitstypologie aufarbeitete und in Vorträgen zur Diskussion stellte, gelangte der russische Physiologe Ivan Pavlov (1849 - 1936) bei Tierversuchen zu Schlussfolgerungen, die eine Brücke zwischen den menschlichen Einstellungs- und Wahrnehmungstypen auf der einen und den unterschiedlichen Reaktionsformen der Gehirne von Säugetieren gegenüber Umweltreizen auf der anderen Seite schlagen. So interpretierte jedenfalls Pavlov selbst die Ergebnisse seiner Forschungen mit Hunden, die er in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts immer stärker präzisierte und schließlich auf den Menschen übertrug.
 
Der konditionierte Reflex
 
Bei seinen Untersuchungen über die Funktionsweise der Verdauungsdrü-
sen, für die er 1904 den Medizinnobelpreis erhielt, war ihm 1902 aufge-
fallen, dass seine Versuchshunde bereits vor dem Fressvorgang Speichel absonderten, wenn der Labormitarbeiter auftauchte, der sie immer füt-
terte.
 
Diese scheinbar belanglose Beobachtung regte Pavlov zu genaueren Untersuchungen an, die zu wichtigen Erkenntnissen über Lernprozesse führen sollten.
 
Pavlov ließ in seinen Experimenten jedes Mal vor der Fütterung einen
Gong ertönen. Schon nach kurzer Zeit hatten die Hunde gelernt, dieses
Signal mit der Fütterung zu verbinden. So sonderten sie bei jedem Gongschlag Speichel ab, auch wenn gar kein Futternapf auf sie wartete. Ein zuvor völlig wirkungsloser akustischer Reiz führte durch die unmittelbare Verbindung mit dem Anblick der Nahrung zu einer Reaktion. Pavlov hatte den "konditionierten Reflex" entdeckt, der anders als der natürliche oder unkonditionierte beim Anblick des Futters durch gezieltes Lernen erworben werden kann.
 
 
 Pavlovs Versuchsanordnung
 
Ein Video visualisiert exemplarisch Pavlovs Experiment.
 
Die lernende Reaktion auf Umweltreize hat dabei zwei Aspekte. Zum ei
nen wird durch die Konditionierung von einem zuvor neutralen Reiz – in
diesem Fall dem Gongschlag - eine Reaktion (Speichelsekretion) hervor-
gerufen, die vorher nur durch einen unbedingten Reiz (Anblick des Fut-
ters) ausgelöst wurde. In der Großhirnrinde des Hundes lässt sich so
durch einen ehemals neutralen Reiz eine Erregung erzeugen.
 
Zum anderen kann auch ein Verlernen oder richtiger eine Hemmung er-
folgen. Wird dem Versuchstier längere Zeit der bedingte Reiz ohne Fut-
ter dargeboten, so verschwindet allmählich die bedingte Reaktion, also
die Speichelabsonderung.
 
Auf diese Weise wird jedoch die erlernte Konditionierung nicht völlig gelöscht; denn der Hund zeigt, wenn man die Experimente wiederrholt, nach wesentlich weniger Versuchen erneut die bedingte Reaktion auf den bedingten Reiz Dies beweist für Pavlov, dass die Konditionierung zwar erhalten bleibt, aber gehemmt wird.
 
Dieser erlernbare Reiz-Reaktions-Mechanismus ist, wie Pavlov im Hin-
blick auf die Tragweite seiner Laborexperimente betont, von größter
Wichtigkeit für das Leben der Tiere und für uns selbst.. , da unser Leben
ja darauf hinausläuft, dass wie in einer bestimmten Umgebung und in
einem bestimmten Augenblick einmal eine gewisse Tätigkeit ausüben
und sie ein anderes Mal hemmen müssen.“ (Pavlov, S. 348) Das normale
Leben erfordert daher ein ständiges Ausbalancieren der beiden entgegengesetzten Prozesse.
 
Wenn zu einem Hund von dessen Temperament her die Rolle des "Ver-suchskaninchens" nicht so recht passen sollte, kann das Tier möglicher-
weise wie im folgenden Video reagieren.
 
 
Pavlov in seinem Labor
 
Die Typen des Nervensystems 
 
Neben diesem ihm zu Ehren Pavlovscher Reflex genannten Lernmecha-
nismus fand der russische Medizinnobelpreisträger bei seinen Hundeexperimenten noch weitere Eigenschaften des Nervensystems,
die einen wichtigen Anstoß für die Entwicklung der Persönlichkeits-
psychologie geben sollten.
 
Pavlov stellte fest, dass die Hunde auf seine Tests sehr unterschiedlich reagierten. So ließen sich bei einigen Tieren sehr leicht positive Reflexe erzeugen, die sich dann unter verschiedenen Bedingungen als sehr
dauerhaft herausstellten, während man bei diesem Reaktionstyp nur
schwer Hemmungsreflexe erhalten konnte.
 
Bei anderen Hunden erforderte es große Anstrengungen, um die
positiven Reflexe auszuarbeiten. Sie blieben immer höchst unbe-
ständig und wurden durch die geringste Veränderung in der Umgebung gehemmt. Umgekehrt bildeten sich die Hemmungsreflexe schnell aus hielten sich immer sehr gut.
 
Zwischen diesen beiden Gegensätzen fand Pavlov als einen „zentralen
Typ des Nervensystems“ Tiere, denen sowohl die eine als auch die
andere Reaktion leicht fiel, die gut hemmen und auch gut positive Reflexe bilden konnten.
 
Danach lassen sich somit drei bzw. vier Typen unterscheiden, und zwar
eine erregbare, eine hemmbare und eine zentrale Hundegruppe. Den
letzten Typ untergliederte Pavlov noch weiter, da einigen Tieren das Ausbalancieren der entgegengesetzten Nervenprozesse sehr leicht fiel,
während andere damit einige Schwierigkeiten hatten.
 
In weiteren Tests setzte Pavlov seine Hundetypen verschiedenen Stress-faktoren aus, die von sehr schweren Zusammenstößen des Erregungs-Hemmungsprozesses bis hin zu Kastrationen reichten. Dabei zeigte sich der zentrale Typ als besonders stark, denn er blieb von sonst auftretenden Verhaltensanomalien weitgehend verschont.
 
Schließlich fanden sich nicht nur in der Anpassungsfähigkeit an die Um-
welt und der Widerstandfähigkeit gegenüber krankheitsauslösenden
Faktoren, sondern schon bereits im äußeren Verhalten der Hunde
deutliche Unterschiede, die eine durchgehende Typologie rechtfertigten.
So war der erregbare Typ größtenteils aggressiv und unbeherrscht, während sich der hemmbare Typ ängstlich verhielt und sehr schnell den Schwanz einzog. Dieser letzte Typ war auch besonders anfällig für
psychische Störungen. Deswegen kennzeichnete ihn Pavlov später als schwachen Typ (Pavlov, S. 510).
 
Der zentrale Typ umfasste einerseits schwerfällige, ruhige Tiere, die
scheinbar alles vollkommen ignorierten, was ringsum geschah, anderer-
seits befanden sich darunter aber auch im wachen Zustand sehr
lebhafte, außerordentlich bewegliche, alles musternde und beriechende
Tiere, die dennoch eine seltsame Neigung zum Schlaf besaßen.
 
So lassen sich die unmittelbaren Ergebnisse der Laborexperimente zusammenfassen. Für Pavlov beschränkte sich diese Typisierung jedoch
nicht auf seine Versuchshunde. Vielmehr stellte er eine große Ähnlich-
keit zwischen seinen Typen des Nervensystems und den schon aus der
Antike überlieferten vier menschlichen Temperamenten fest: Wenn wir bei der alten Klassifizierung von vier Temperamenten bleiben, so kann man die Übereinstimmung der Versuchsergebnisse an Hunden mit dieser Klassifizierung nicht übersehen. Unser erregbarer Typ ist das cholerische, unser hemmbarer das melancholische Temperament. Den zwei Formen des zentralen Typs würden das phlegmatische und sanguinische Temperament entsprechen“. (Pavlov, S.351)
 
 
                   Die Temperamente bei Hunden und Menschen
                             (nach Pavlov) 

Reaktion von Hunden beim bedingten Reflex (1927)
Hundetyp (1935)
Menschliches Temperament nach Hippokrates/Galen
Ausgeprägte Erregungsreflexe
Starker, zügelloser Typ
Choleriker
Ausgeprägte Hemmungsreflexe
Schwacher, hemmbarer Typ
Melancholiker
Ausgeglichene Reflexe, ruhig
Starker, ruhiger Typ
Phlegmatiker
Ausgeglichene Reflexe, lebhaft
Starker, lebhafter Typ
Sanguiniker

Pavlovs Versuche und Schlussfolgerungen leisteten einen wichtigen
Schritt vorwärts bei der Erklärung von Persönlichkeitsunterschieden, weg
von der antiken Spekulation über differierende Mischungsverhältnisse verschiedener Körpersäfte und hin zu den messbaren Eigenschaften von
Zellen der Gehirnrinde bei Hunden und Menschen.
 
Weiterführungen von Pavlovs Arbeiten
 
In Russland konzentrierte sich die anschließende Forschung - so vor al-
lem durch Teplow (Gray) - weniger auf das Konzept der Temperaments-
typen als auf die Analyse der Eigenschaften des Nervensystems.
 
Ausgangspunkt war dabei die letzte von Pavlov (1935) vorgeschlagene Unterscheidung von drei Eigenschaften des Nervensystems:
 
- von seiner Stärke, womit die Fähigkeit der Nervenzellen erfasst wird,
  lang andauernde, heftige oder sich ständig wiederholende Stimulation
  ohne Eintreten einer protektiven Hemmung zu ertragen.
 
- von seiner Balance oder Ausgeglichenheit, die sich als Verhältnis
  zwischen der Stärke der Erregungs- und Hemmungsprozesse
 ausdrücken lässt, sowie
 
- von seiner Beweglichkeit oder Mobilität, die sich in der Geschwin-
  digkeit zeigt, mit der eine Umstellung von einer Erregung zur
  Hemmung und umgekehrt eintritt. (Amelang/ Bartussek, S. 337f.)
 
Vor allem der polnische Psychologe Strelau hat später die persönlichkeits-psychologische Tradition Pavlovs aufgegriffen und im Rahmen der Temperamentforschung drei Eigenschaften des Nervensystems auf der Verhaltensebene gemessen und analysiert, und zwar
 
- die Stärke der Exzitation oder Reaktivität,
 
- die Leichtigkeit, mit der Hemmungen ausgebildet und   aufrechterhalten werden können (Stärke der Inhibition), und
 
- die Mobilität nervlicher Prozesse.
 
Dabei zeigte sich, dass Extravertierte weniger sensibel, aber rascher auf Umweltreize reagieren als Introvertierte. (Amelang/ Bartussek, S. 340 ff.)
 
Pavlov im Netz
 
Einen Rückblick auf das Leben Pavlovs erlaubt die Webseite des Pavlov-Museums, das sich in Pavlovs letzter Sankt Petersburger Wohnung befindet, wo man sich umgeben vom Originalmobiliar in die letzten achtzehn Jahre seinen Lebens zurückversetzen kann. Die historischen Versuche Pavlovs werden auf einem Video illustriert und auf einem weiteren Video aus heutiger Sicht kritisch beurteilt. Das gilt vor allem für die Experimente mit Kindern.

Quellen:

Amelang, M. und Bartussek, D., Differentielle Psychologie und Persönlich-keitsforschung, Stuttgart/Berlin/Köln 1990, S. 337 – 345.

Gray, J. A. (Hg.), Pavlov's Typology. Recent Theoretical and Experimental Developments from the Laboratory of B. M. Teplov, New York 1964.

Pavlov, I. P. ( 1927), Die physiologische Lehre von den Typen des Nervensystems, den Temperamenten, in: Sämtliche Werke. Band III/ 2, Berlin 1953, S. 345 - 353.
Ders. (1935), Die gemeinsamen Typen der höheren Nerventätigkeit der Tiere und des Menschen, ebenda, S. 492 - 511.
 
Internetangebote: Wikipedia, Youtube und  www.museum.infran.ru.
 
 

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