Die immer wieder „neu“ entdeckten Temperamente

 

Eine Typologie mit langer Tradition und
moderner Bedeutung
  

Die antiken vier Temperamente

 

 

Nicht erst heute haben Menschen sich und andere beschrieben, wie die

Sprache mit ihren zahlreichen Begriffen für menschliche Eigenschaften

beweist. Von daher war es nicht weit, einfache Klassifikationen zu bild-

en, in denen man etwa Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen,

Freie und Sklaven, Reiche und Arme, Große und Kleine oder auch Hel-

den und Mitläufer unterschied.

 

Menschen wurden jedoch bereits in der Antike nicht nur nach sozio-

demografischen Merkmalen wie Geschlecht, Alter und sozialem Status gekennzeichnet, sondern auch nach physiognomischen und psychischen Eigenschaften. Dabei versuchte man gleichzeitig eine Erklärung dieser Unterschiede, wozu im antiken Griechenland die Elemente herangezogen wurden, die die griechische Naturphilosophie als Urstoffe des Universums ansah.

 

Nach Empedokles (490–430 v. Chr.) waren dies Feuer, Wasser, Erde

und Luft, die durch unterschiedliche Mischungsverhältnisse die anderen

Stoffe bildeten. Aristoteles (384-322 v. Chr.) ordnete den Elementen die

Eigenschaften warm/kalt und trocken/feucht zu, übertrug diese Annah-

me auf den Menschen und stellte fest, dass die vier Elemente Feuer,

Wasser, Erde, Luft mit ihren jeweiligen Eigenschaften in unterschied-

lichen menschlichen Wesensarten sichtbar sind. Den vier Elementen

entsprechen so vier Temperamente, d.h. Mischungsverhältnisse

(lat. temperamentum = ausgeglichenes Mischungsverhältnis).

 

Da Empedokles seine vier Grundstoffe einzelnen Gottheiten zuordnete,

waren sie nicht wie die heutigen chemischen Elemente rein materielle

Objekte, sondern besaßen zudem psychische Eigenschaften. So galt

beispielsweise das Wasser als das sanfte Element, das nachgiebig und

weich war, die Luft als quirlig, flexibel und veränderungsorientiert

und die Erde als festgefügt, starr und beständig.

 

Eine ganz besondere Bedeutung erlangte diese Lehre durch die Vier-

säftelehre oder Humoralpathologie, die von den Hippoktatikern in ihrer

Schrift Über die Natur des Menschen (um 400 v. Chr.) im Anlehnung an

die Elementenlehre des Empedokles entwickelt wurde. Als Lebens-

träger im Körper nahm man weiße und schwarze Galle, Blut und

Schleim an, die über das Blut und auch die Nerven im Körper verbrei-

tet wurden. Dieses Modell für allgemeine Körpervorgänge, das auch

Krankheiten erklären sollte, wurden von Galenos von Pergamon bzw.

eingedeutscht Galen (129  - 216) in seiner endgültigen Form nieder-

geschrieben. Es sollte bis zur Aufklärung die Naturwissenschaften

und die Medizin dominieren sowie auch die ersten Schritte der moder-

nen Psychologie anstoßen, so in der Anthropologie des Philosophen

Immanuel Kant (1724 - 1804 ) und bei Wilhelm Wundt (1832 – 1920),

der als Begründer der Psychologie als eigenständiger Wissenschaft gilt.

 

Diese antike Lehre von den Temperamenten unterscheidet zwischen

Cholerikern, Melancholikern, Phlegmatikern und Sanguinikern, denen

nicht nur Elemente und Kardinalsäfte zugeordnet wurden, sondern

auch psychische Eigenschaften.

 

                                                   Antike Temperamentenlehre

 

Element

Haupteigenschaften

Kardinalsaft (Humores)

Organ

Humorale Eigenschaften

Temperamenttyp

Psychische Eigenschaften

Luft

warm und feucht

Sanguis (Blut)

Herz

leichtblütig

Sanguiniker

Lebhaft, impulsiv, optimistisch

Feuer

warm und trocken

Chole (gelbe Galle)

Leber

heißblütig

Choleriker

Leicht erregbar, Neigung zum Zorn

Wasser

kalt und feucht

Phlegma (Schleim/ Rotz)

Gehirn

schwerfällig, träge

Phlegmatiker

gleichmütig, nicht erregbar

Erde

kalt und trocken

Melanchole (schwarze Galle)

Milz

traurig, schwermütig

Melancholiker

pessimistisch, in sich gekehrt

 

Temperamentenlehre in mittelalterlichen Alltag

 

Menschen besitzen nach dieser Viersäftelehre eine individuelle Mischung

der Humores mit ihren jeweiligen Eigenschaften. Falls eine

Ausgewogenheit (Eukrasie) der Säfte fehlt, treten Krankheiten auf. Die

damaligen Mediziner versuchten daher fehlende Säfte durch spezielle

Diäten oder ausgewählte Heilpflanzen zu kompensieren oder dem

Körper überschüssige Säfte durch Ausleitungsverfahren wie den

bekannten Aderlass zu entziehen.

 

So basierte das mittelalterliche Verständnis über Ernährung weitgehend

auf der antiken Humoralpathologie. Die Nahrungsmittel wurden als

„warm“ oder „kalt“ und „feucht“ oder „trocken“ klassifiziert und von ge-

übten Köchen erwartete man, dass sie die Lebensmittel so zu kombinie-

ren wussten, dass sie sich gegenseitig ausglichen und ergänzten.

 

Dabei galt die Grundregel, dass der Mensch das ist, was er isst, wenn

man dabei sein vorhandenes Temperament berücksichtigt. So empfahl

man beispielsweise den leicht erregbaren Cholerikern, ihre Nahrungsmit-

tel nicht zu stark zu würzen, denn Gewürze wie Chili galten als heiß und

trocken und konnten somit die bereits vorhandenen psychischen Eigen-

schaften weiter verstärken.

  

Die vier Temperamente hatten bis in die Neuzeit nicht nur für die Medi-

zin und die Menschenkenntnis eine große Bedeutung, sondern auch im

Alltagsleben, wie dieser Hinweis auf die Kochkunst belegt, und in der

Kunst. Ein Beispiel für diese Verbreitung der Temperamentenlehre ist

das bekannte Diptychon (Doppelgemälde) „Die vier Apostel“ von

Albrecht Dürer aus dem Jahr 1526. Darin verkörpert Johannes den

Sanguiniker, Petrus den Phlegmatiker, Markus den Choleriker und Paulus

den Melancholiker.

             

                  Albrecht Dürer, Die vier Apostel, 1526                                                                                                                                                                                                                                                                      

 

Nicht zuletzt lassen sich zahlreiche Belege für den hohen Stellenwert

der Temperamentlehre auch in der Sprache finden. So kann eine Frau

„Temperament“ haben und man kennt aufbrausende Choleriker und

phlegmatische Zeitgenossen, die nichts aus der Ruhe bringen kann.

 

Moderne Temperamentenlehre

 

Nachdem der Begriff des Temperaments in der Psychologie längere Zeit

nur noch ein Mauerblümchendasein gefristet hatte, wurde er im An-

schluss an die empirischen Untersuchungen Pavlovs neu gefasst und

durch Erhebungsinstrumentarien messbar gemacht. Dabei standen vor

allem Kinder im Vordergrund des Interesses, denn Eltern, aber auch alle

Menschen, die mit Säuglingen oder Kleinkindern umgehen, ha-

ben - anders als die Mehrzahl der "professionals", also Psychologen, Pä-

dagogen sowie die Angehörigen psychosozialer Berufe - nie aufgehört,

eine temperamentbezogene Sicht des Verhaltens und der Persönlichkeit

als "probate Alltagspsychologie" zu vertreten. (Zentner, S. 11) So wer-

den in der Alltagssprache Kinder als schwierig, pflegeleicht, sonnige Ge-

müter, Frohnaturen, Miesepeter oder Streithammel bezeichnet.

 

In dieser aktuellen psychologischen Sicht werden die Temperamente als

neurologische und biologische Basis der Persönlichkeitsmerkmale ver-

standen. So unterscheiden etwa Buss und Plomin in ihrem psycho-

genetischen Ansatz vier Temperamentdimensionen, und zwar Aktivität

mit den Polen aktiv vs. lethargisch, Emotionalität (emotional vs. leiden-

schaftslos/ unempfindlich), Soziabilität (gesellig vs. distanziert/

abgesondert) und Impulsivität (impulsiv vs. besonnen/ vorsichtig).

(Koch, S. 25) Bemerkenswert bei diesen Forschungen dürfte die

Tatsache sein, dass auch Tiere, die in der Evolutionsentwicklung dem

Menschen ähnlich sind, Temperamente besitzen. (Koch, S.24)

 

 Vor allem der polnische Psychologe Strelau (geb.1931) und einige

seiner Kollegen haben ein Messinstrument für die Temperamentsdi-

mensionen entwickelt, das 1981 erstmals vorgestellt wurde (Strelau).

Diese Forschergruppe sieht das Temperament als überwiegend

genetisch bestimmt an. Allerdings muss bei der empirischen Erfassung 

sorgfältig zwischen dem Temperament einerseits und dem beobacht-

baren Verhalten andererseits unterschieden werden, da das Verhalten

durch eine Vielzahl von Umweltfaktoren beeinflussbar und damit

veränderbar ist.

   
Die mit diesem Instrumentarium gewonnenen Ergebnisse belegen die
grundlegende Bedeutung der so neu gesehenen Temperamentsdimensi-
onen für die Persönlichkeitsforschung, wie hier die Artikel über Eysenck
und die Big5 noch näher zeigen werden.
 
Bei dieser tiefen Verankerung in der Persönlichkeitsstrukturkann es nicht
überraschen, wenn sich Temperamente sogar ohne ein sprachliches Ver
ständnis darstellen und unterscheiden lassen, wie folgendes ungarische 
Video humorvoll beweist.
 
Auch außerhalb der empirisch arbeitenden modernen Psychologie wurde die Typisierung nach Temperamenten aufgegriffen. So spielt dieses Konzept bei Kretschmer, in der Sozionik und vor allem bei den Psychologen, die mit einem von Keirsey entwickelten sogenannten "Temperament-Sorter" arbeiten, eine wichtige Rolle
 
 
 Online-Tests
 
Zwei Test, die im Internet zur Verfügung stehen, orientieren sich teilweise an diesen späteren Entwicklungen: Test 1 und Test 2.
 
 
Quellen:
Koch, Veronika, Temperament und Persönlichkeit. Ergebnisse des EAS-Inventars bei 2-bis 7jährigen Zwillingen, Diplomarbeit Universität Bielefeld, Juni 1996
Strelau, Jan, The Concept of Temperament in Personality Research, in: European Journal of Personality, 1987, S. 107 – 117.
Zentner, Marcel R., Die Wiederentdeckung des Temperaments. Die Entwicklung des Kindes im Licht moderner Temperamentforschung und ihrer Anwendungen,
Paderborn 1993.
 
Internetangebote: Wikipedia-Beiträge über "Humoralpathologie", "Temperamente" und "Temperamentenlehre".
 
 
 
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