Einführung: Typisierung, Sozionik und Persönlichkeitspsychologie

Persönlichkeitstypisierungen für Eilige
 
12 Typisierungen von den antiken Temperamenten bis zu den Big5 im Schnelldurchgang
 
Ziel dieser kurzen Einführung in die psychologischen Persönlichkeits-typisierungen ist es – ganz wie bei der Charakterisierung von einzelnen Individuen wie Du und ich - die besonderen Merkmale kennen zu lernen, um die Typologien so besser verstehen, einordnen und beurteilen zu können. Ausgangspunkt bildet dabei die schon in der Antiken bekannte Lehre von den Temperamenten, die zwischen Cholerikern, Melancholikern, Phlegmatikern und Sanguinikern unterscheidet. 
 
Erst über zweitausend Jahre später hob Ende des 18. Jahrhunderts der deutsche Arzt und Anatom Franz Joseph Gall das Gehirn als Zentrum aller mentalen Funktionen hervor und fand 27 Eigenschaften, die er als „Gehirnorgane“ bezeichnete und mithilfe von Schädelmessungen in ihrer individuellen Bedeutung diagnostizieren wollte. 
 
Diesen Ansatz führte gut ein Jahrhundert später der Autodidakt Carl Huter weiter, der in seiner Psycho-Physiognomik ein Bewegungs-, ein Empfindungs- und ein Ernähungsnaturell als Grundtypen unterscheidet. 
 
Von einer ähnlichen Triade von Bauch-, Herz- und Kopftypen geht auch das Enneagramm aus, das Anfang des 20. Jahrhunderts von dem Magier und Mystiker Georg I. Gurdjieff im Westen vorgestellt wurde, wobei es sich auf erheblich ältere Quellen in der jüdischen Kabbalah und dem islamischen Sufismus bezog. Die aus dem Griechischen stammende Bezeichnung Enneagramm bezieht sich auf den visuell dargestellten Neunstern, der die insgesamt neun unterschiedlichen Persönlichkeitstypen und ihre Beziehungen visualisiert.
 
Einen ähnlichen Rückschluss von physiognomischen Merkmalen auf psychische wie Huter versucht eine Konstitutionstypisierung des Neu-rologen Ernst Kretschmer, der sich jedoch auf eine Reihe statistischer Erhebungen stützt. Danach entsprechen den von ihm unterschiedenen Körperbautypen des Asthenikers oder Leptosomen, des Athletiker und des Pyknikers jeweils besondere Temperamentausprägungen. 
 
Einen ersten experimentellen Schritt zur Analyse der Temperamente unternahm der Physiologe Ivan P. Pavlov, der bei Laborexperimenten mit Hunden nicht nur den bedingten und den unbedingten Reflex entdeckte. Vielmehr stellte er fest, dass die Hunde auf seine Tests sehr unterschiedlich reagierten. So ließen sich bei einigen Tieren sehr leicht positive Reflexe erzeugen, die sich dann unter verschiedenen Bedingungen als sehr dauerhaft herausstellten, während man bei einem anderen Reaktionstyp nur schwer Hemmungsreflexe erhalten konnte.
 
Zwischen diesen beiden Gegensätzen fand Pavlov einen zentralen Typ des Nervensystems, den er noch weiter untergliederte, da einigen Tieren das Ausbalancieren der entgegengesetzten Nervenprozesse sehr leicht fiel, während andere damit einige Schwierigkeiten hatten. Diesen vier Typen ordnete er die klassischen Temperamente beim Menschen zu.
 
Zeitlich parallel dazu entwickelte der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung seine Persönlichkeitstypologie, die erstmals 1921 unter dem Titel „Psychologische Typen“ erschien. Darin unterscheidet Jung zwei zentrale Persönlichkeitsmerkmale, und zwar Extraversion und Introversion als Formen der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, sowie die von ihm als Funktionen bezeichneten Merkmale Empfinden, Intuieren, Denken und Fühlen. Durch die Kombination der vorrangigen Ausprägung in den beiden Dimensionen gelangt Jung somit zu acht Typen, so u.a. zu einem Introvertierten Empfindungstyp und zu einem Extravertierten Denktyp. 
 
Um die von Jung vorgeschlagene Typologie praktisch besser handhaben zu können, schufen Katharine Briggs und ihre Tochter Isabel Myers den später nach ihnen benannten Myers-Briggs-Typindikator (MBTI). Die erste Version dieses Verfahrens zur Selbsteinschätzung wurde 1942 veröffentlicht. Dabei werden die Jungschen „Formen der Beziehung“ und seine vier Funktionen als die drei Dimensionen Introversion (I) - Extraversion (E), Intuition (N) – Sensing (S) und Feeling (F) – Thinking (T) interpretiert. Um die Bedeutung der beiden Funkt-ionspaare rational (Denken oder Fühlen) sowie irrational (Empfinden oder Intuieren) zu berücksichtigen, wurde noch eine vierte Dimension Judging (J) bzw. Perceiving (P) ergänzt. Die Ausprägung P wird dabei verwendet, wenn jemand spontan handelt, während die Bevorzugung geplanten Handelns mit J gekennzeichnet wird. Auf diese Weise lassen sich 16 Typen unterscheiden, die man üblicherweise durch einen Code aus vier Buchstaben kennzeichnet. Danach ist beispielsweise ein ENFJ ein extravertierter Fühltyp, der als Hilfs- oder zweite Funktion introvertierte Intuition besitzt. 
 
Unabhängig von dieser Entwicklung in den USA entwickelte in den 1970er Jahren Aušra Augustinavičiūtė, die häufig mit ihrem Pseudonym Augusta benannt wird, mit einigen ihrer Freunde und Kollegen von der Universität Vilnius (Litauen) die Sozionik. Dieses psycho-soziale Modell greift neben den „Psychologischen Typen“ Jungs vor allem auf die damals als Wissenschaft entstehende Kybernetik bzw. Informatik zurück. Die Vermittlung erfolgt dabei über den polnischen Psychiater Antoni Kępiński, der in seinem Buch „Psychopathologie der Neurosen“ das Konzept des „informationellen Metabolismus“ einführte. Dabei wird der Mensch als ein System verstanden, das Informationen mit seiner Umwelt austauscht, indem er sie nach einem spezifischen Programm aufnimmt, verarbeitet und aussendet. In der Sozionik werden die Jungschen Persönlichkeitsmerkmale als derartige „Programme“ interpretiert und als „Aspekte“ durch jeweils vier schwarze und weiße geometrische Figuren symbolisiert. Ergänzt man den wichtigsten Aspekt noch durch einen Hilfsaspekt gelangt man wie das MBTI-Konzept zu 16 Typen.
 
Von einer abweichenden psychologischen Fundierung durch die Psychoanalyse Freuds geht das Modell des Psychographie aus, das von Dietmar Friedmann und Werner Winkler zwischen 1976 und 1999 entwickelt wurde und die drei Grundtypen Beziehungs-, Sach- und Handlungstyp kennt, die inzwischen durch weitere triadisch aufgebaute Unterteilungen in 81 Gruppen differenziert wurden.
 
Einen anderen Weg zur Erfassung zentraler Persönlichkeitsmerkmale hat die empirisch ausgerichtete Forschung an den psychologischen Fakultäten der Hochschulen eingeschlagen. Hier ging vor allem der deutsch-britische Psychologe Hans Jürgen Eysenck zwar auch von der antiken Temperamentenlehre und der Jungschen Unterscheidung von Extra- und Introvertierten aus, sein Hauptinteresse galt jedoch einer verlässlichen Messung von Persönlichkeitsmerkmalen und ihrer Rückführung auf genetische Unterschiede. Mithilfe einer zweiten Dimension „Labilität – Stabilität“, die auch als Neurotizismus bezeichnet wird, gelang es ihm, Phlegmatiker als introvertiert und stabil, Melancholiker als introvertiert und labil, Sanguiniker als extravertiert und stabil sowie Choleriker als extravertiert und labil zu kennzeichnen.
 
Offen blieb trotz dieses Ergebnisses bei seiner Vorgehensweise, ob nicht vielleicht seit der Antike wesentliche Persönlichkeitsdimensionen übersehen worden waren. Um diese Möglichkeit auszuschließen, sammelten andere Psychologen alle Merkmale, mit denen in den Alltagssprachen der Welt (lexikalischer Ansatz) oder in psychologischen Arbeiten menschliche Charakterzüge bezeichnete worden sind. Diese Eigenschaften – es waren insgesamt fast 20.000 Adjektive - wurden dann in einem zweiten Schritt bei konkreten Menschen „gemessen“ und die Daten anschließend mithilfe der Faktorenanalyse, einem multivariaten statistischen Verfahren, ausgewertet. Die Leistung dieser Methode besteht darin, dass sie eine Vielzahl von Messdaten, die ähnliche Datenreihen zeigen, auf einige zugrunde-liegende Faktoren zurückführen kann.  
 
Das ist auch für die Persönlichkeitsmerkmale gelungen, und man ist zu fünf zentralen Konstrukten (Big Five) gelangt, die die beiden Dimensionen von Eysenck und damit die antike Temperamentenlehre einschließen. Im Einzelnen sind es neben Extraversion (E) und Neurotizismus (N) noch zusätzlich Offenheit für Erfahrungen (O), Verträglichkeit (engl. agreeableness (A)) und Gewissenhaftigkeit (engl. conscientiousness (C)).
 
Auf der Grundlage dieses Fünf-Faktoren-Modells FFM) entwickelten Paul T.  Costa und Robert R. McCrae mit dem NEO-Fünf-Faktoren-Inventar (NEO-FFI) einen heute international gebräuchlichen Per-sönlichkeitstest, dessen Ergebnisse sich auch für spezifische Klassifi-kationen eignen.
 
 
 
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