Die Vermessung von Physiognomie und Temperament

Konstitutionstypen und Temperamente

Von psychiatrischen Vorgaben zur universellen Typologie

Mit den umfangreichen typologischen Forschungen des Mediziners und
Psychiaters Ernst Kretschmer (1888-1964), deren Ergebnisse erstmals
1921 unter dem Titel „Körperbau und Charakter. Untersuchungen zum Konstitutionsproblem und zur Lehre von den Temperamenten“ 
veröffentlicht wurden, begann eine neue Ära in der Persönlichkeitstypo-
logie, da Kretschmer versuchte, Zusammenhänge zwischen Körperbau-
merkmalen und psychischen Eigenschaften durch empirische Messungen
und statistische Auswerten zu belegen. Er kann daher als Nachfolger
von Lavater, Gall und Huter verstanden werden, der erstmals mit
Methoden arbeitet, die sich auch von anderen Forschern nachvollziehen
und in ihren Ergebnissen daher objektiv überprüfen lassen.
 
Mit einem Rückbezug auf die psychiatrische Krankheitslehre bekräftigt
Kretschmer seinen empirischen Anspruch. Damit grenzt er sich  
nachdrücklich von der Populärphysiognomie ab, die in naiver Weise
körperliche Merkmale als Zeichen psychischer Eigenschaften auffasst. So
führten Kretschmer und seine Mitarbeiter, aber auch andere Forscher
sehr umfangreiche Untersuchungen an vielen Tausend Menschen durch,
wobei viele verschiedenen Maße ermittelt wurden, von der Körpergröße
über die Länge der Finger bis hin zur Gesichtform, zum Umfang der
Handgelenke, des Bauchs, der Schenkel etc. Alle Probanden wurden
gleichzeitig psychologisch untersucht.
 
Der wesentliche Fortschritt im Werk von Kretschmer und später von
Sheldon besteht also in den empirisch-statistischen Analysen. Damit
wurden die behaupteten Zusammenhänge zwischen Körperform und
Charaktertypus zu wissenschaftlich prüfbaren Hypothesen 
weiterentwickelt.
 
Geschultes Auge als Typisierungshilfe
 
Allerdings war Kretschmer kein besonders glühender Verehrer diese
Methode; denn für ihn war die „Quantifikation“ nur ein nachrangiges
Hilfsmittel.  Im Vordergrund stand bei ihm die „vollkommen künst-
lerische, sichere Schulung unseres Auges“, der er „ein schülerhaftes
Aufnehmen von Einzelmaßen ohne eine Idee und Intuition vom Gesamtaufbau“ gegenüberstellte. So resümiert er: Die „Erfassung von
biologischen Typenbildern“ ist nur dem geschulten Auge möglich; denn
„Das Bandmaß sieht nichts.“ (Matz, S.19)
 
Kretschmer fasst dennoch seine Position folgendermaßen zusammen:
"Wenn wir alle Methoden, die vergleichende Individualpsychologie, die
Untersuchung geisteskranker Genialer und die Vergleichung der
Körperbautypen kombiniert anwenden, so kommen wir zu ziemlich
gesicherten empirischen Gruppenbildungen." (Kretschmer,S. 371)
 
Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sein Erkenntnisinteresse war,  
Prägnanztypen zu beschreiben, aber nicht zu erklären. (Priwitzer, S. 254)
 
Ausgangspunkt der Typologie Kretschmers bilden die Körperbautypen
des Leptosomen, des Pyknikers und des Athletikers, für deren Bestim-
mung das Gesichts und der Kopf anders als bei Lavater, Gall und Huter
nur eine Randbedeutung besitzt. Im Mittelpunkt stehen vielmehr Figur
und Muskulatur, wie die folgende Übersicht zeigt.
 
Zusammenhänge von Körperbau und Temperament
 
Im Laufe der Jahre und der Auflagen seines Bestellers hat sich die
verwendete Begrifflichkeit , wobei eine Tendenz weg von den psychisch
Kranken und hin zu den normalen Persönlichkeiten deutlich zu erkennen
ist. So findet man beispielsweise das „visköse“ Temperament, das dem
athletischen Körperbau zugeordnet wird, erst seit 1936.(Matz, S. 22)
 
Basis der Typologie ist die psychiatrische Krankheitslehre oder
Nosologie. Danach beurteilte Kretschmer die beiden vom Psychiater
Kraepelin (1856 1926) unterschiedenen „Formkreise“ des „manisch-depressiven“ und des „schizophrenen Irreseins“ als „zunächst auf der psychologischen Seite schon etwas fassbare Gebilde“.
 
Die im zweiten Teil entwickelte Typologie der normalen Temperamente
beruht auf der von Kretschmer vertretenen Kontinuitätsthese, nach der
graduelle Übergänge zwischen einer gesunden und einer krankhaften
psychischen Verfassung bestehen. (Matz, S. 21)
 
Die beiden Teile des Buches tragen seit der ersten Auflage die Titel „Der Körperbau“ und „Die Temperamente“, da die Hormone „eben immer zwei Dinge in paralleler Weise besonders grob erkennbar beeinflussen: den geistigen Gesamthabitus und den Körperbau“, wie Kretschmer feststellt. (Matz, S. 18)
  
Als Voraussetzung seiner Unterscheidung von Temperament und
Charakter führt Kretschmer eine „Hauptdifferenzierung der biologischen
Psychologie“ ein: von Temperament und „seelischen Apparaten“, die
„zwei ineinander greifende Hauptwirkungskreise“ sind. (Matz, S.18)
 
Durch die seelischen Apparate erfolgt „in wahrscheinlich phylogenetisch
gestaffeltem Instanzenzug die bildliche und vorstellungsmäßige
Verarbeitung seelischer Reize vom Sinneseindruck bis zum motorischen
Impuls“; ihr „körperliches Korrelat“ ist der „Sinnes-Gehirn-Motilitätsapparat.“ (Ebenda)
 
Das Temperament greift „hemmend und antreibend in das Triebwerk der
‘seelischen Apparate’ ein“; es ist „blutchemisch, humoral mitbedingt“,
sein Substrat ist der „Gehirn-Drüsenapparat“; es ist „derjenige Teil des
Psychischen, der, wahrscheinlich auf humoralem Weg, mit dem
Körperbau in Korrelation steht.“ (Ebenda)
 
Der Charakter ist hingegen ein rein psychologischer Begriff und
bezeichnet „die Gesamtheit aller affektiv-willensmäßi-
gen Reaktionsmöglichkeiten eines Menschen, wie sie im Laufe seiner
Lebensentwicklung entstanden sind“; er ist in seinen erblich
festgelegten „psychischen Qualitäten“ ein Teil der Konstitution. (Ebenda)
 
Durch seinen Erfahrungen als Psychiater sieht Kretschmer deutliche
Entsprechungen zwischen diesen Konstitutionstypen und der Häufigkeit
einzelner psychischer Erkrankungen. So waren bei den Schizophrenen
der leptosome, bei den manisch Depressiven der pyknische und bei den
Epileptikern der athletische Körpertyp überrepräsentiert.
 
 
Der Konstitutionstyp Kretschmers
 
Kretschmer selbst hatte ausgesprochen zyklothyme Wesensseiten.
Wenn er bei geselligem Zusammensein auftaute, konnte er z. B. recht
lebhaft, heiter und aufgeräumt sein, eine große Gesellschaft allein
unterhalten und seitenlang Wilhelm Busch zitieren. Einmal beobachtete
ich ihn bei einer solchen Gelegenheit, wie er sich mit einem älteren,
ebenfalls sehr namhaften Kollegen in eine Ecke zurückgezogen hatte,
um mit diesem im Flüsterton deftige Witze auszutauschen. Das
Flüstergespräch wurde immer wieder durch heftige Lachsalven
unterbrochen. Seine selbstbewusste, heitere und hypomanische
Wesensseite zeigte er gern Fremden gegenüber als Fassade. Hinter
dieser Fassade schimmerte aber oft ein depressiver Unterton hindurch,
und Ernst Kretschmer machte wiederholt Zeiten durch, in denen er
depressiv verstimmt und mutlos war und sich recht schwer tat.
 
 
   Ernst Kretschmer
 
In scharfem Kontrast zu der zyklothymen Seite seines Wesens standen
seine hohe Empfindlichkeit und Verletzlichkeit, seine Kontaktschwäche,
seine linkische Unbeholfenheit in ungewohnten Situationen. Er konnte
ein Gespräch unvermittelt und ohne erkennbaren Grund abbrechen, sich
auf dem Absatz herumdrehen und davonschreiten. Kaum je gab er sei-
nen Schülern einen Einblick in sein Inneres. Streng hielt er auf Distanz
und Einhaltung der Rangordnung. (Priwitzer, S. 84)
 
Es besteht wohl kein Zweifel, dass Ernst Kretschmer sowohl die
zyklothyme als auch die schizothyme Temperamentsskala so vorzüglich
schildern konnte, weil er beide Wesensseiten mit ihren jeweiligen
polaren Ausgliederungen aus der Selbsterfahrung kannte, und es lag
nahe, anzunehmen, dass ihn seine eigenen inneren Gegensätzlichkeiten
stark beschäftigten. Möglicherweise stellte seine Konstitutionstypologie
letztlich den Versuch dar, die Gegensätzlichkeiten in sich selbst zu
ordnen. (Priwitzer, S. 84)
 
           Körperbau und Persönlichkeit bei Kretschmer 
 
Körperbautyp
Körperliche
Merkmale
Krankhafte Charakterform
Charaktertyp
Persönlichkeits-
merkmale
leptosom
schlank; schmale
Schultern; schwache
Muskeln
Schizophrenie
schizothym
introvertiert,
überempfindlich,
kühl, denkscharf
pyknisch
gedrungene Figur;
Fettansatz am Bauch,
weiches, breites Gesicht
manische
Depression
zyklothym
extravertiert, gutmütig,
gefühlsbestimmt,
optimistisch
athletisch
kräftig; breite
Schultern;
kräftige Muskeln
Epilepsie
viskös
bedächtig, ausdauernd,
zuverlässig, geistig
wenig wendig
 
Kretschmer in der Kritik
 
Nachprüfungen dieser Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass sich
die seinerzeit behaupteten Korrelationen nicht aufrechterhalten lassen.
Die Annahmen über psycho-morphologische Zusammenhänge wurden
empirisch widerlegt. Zwischen Körperbautyp und Persönlichkeit besteht
kein gesicherter Zusammenhang. Aus heutiger Sicht sind also Konstitu-
tionstypologien wissenschaftlich nicht aufrechtzuerhalten. Eventuell zu
beobachtende Korrelationen sind eher durch den Einfluss der objektiven
oder der subjektiv wahrgenommenen körperlichen Eigenschaften auf das
Selbstbild und die entsprechenden Selbstbeurteilungen zu interpretieren
 
Sheldons Somatotypen
 
Kretschmers Behauptungen wurden in Kontrolluntersuchungen zum Teil
bestätigt. Der US-amerikanische Psychologe William H. Sheldon (1898
– 1977), der nicht nur Menschen, sondern als Numismatiker auch Mün-
zen typisierte, wollte eigentlich Kretschmer widerlegen, kam aber in
einer groß angelegten empirischen Untersuchung zu ähnlichen Ergebnis-
sen. In Gegensatz zu diesem deutschen Kollegen hat Sheldon 1940 in
einer sehr umfangreichen Testreihe mit 4000 Studenten die körperlichen
Merkmale untersucht, nach einer Methode, die er Somatotyping nannte.
Dabei wird die Entwicklung der körperlichen Konstitution auf drei
Keimblätter zurückgeführt, die jeweils verschieden stark ausgeprägt sein können. (Arraj, vor allem Bd.II,Teil II, 4)
 
Diese Keimblätter, also dem endomorphen, mesomorphen und
ektomorphen, dienen als Untersuchungsdimensionen. Die Ausprägung
der körperlichen Merkmale für das innere, das mittlere und das äußere
Keimblatt wird von Sheldon auf einer Skala von 1-7 ermittelt. Dabei
weist in der Regel Eine Dimension den höchsten Wert auf. Eine Person
mit ektomorph(2), mesomorph(6), endomorph(5) ist mit "265" ein endo-
mesomorpher Typ.
 
Ein wesentlicher Kritikpunkt an der Arbeit Sheldons richtet sich gegen
die Methode der Merkmalserfassung; denn Sheldon führte keine
Messungen im eigentlichen Sinne durch, sondern entwickelte eine
standardisierte Auswertung von Körperbaufotos.
 
Dabei fand Sheldon drei Haupttypen, die in etwa den drei Körperbau-
typen von Kretschmer entsprechen: Im engeren Sinn meint man einen
der drei Somatotypen nach der Typologie Sheldon in ektomorph, meso-
morph oder endomorph. Sheldon postulierte eine Einteilung des Men-
schen nach den Keimblattgeweben des Embryos.
 
  Typen von Huter, Kretschmer und Sheldon im Vergleich
 
Keimblatt
Naturell
nach Huter
Konstitutions-
typ nach
Kretschmer
Somatyp
nach
Sheldon
Persönlichkeits-
eigenschaften
nach Sheldon
Ektoderm
Empfindungs-naturell
Leptosome
Ektomorphe
intellektuell, künstlerisch, introvertiert
Entoderm
Ernährungs-naturell
Pykniker
Endomorphe
genussfreudig, gesellig, intuitiv
Mesoderm
Bewegungs-naturell
Athletiker
Mesomorphe
energiegeladen,
mutig, selbstsicher
 
Endomorphe sah Sheldon als entspannte Menschen, die gerne essen,
was sich auch an ihrem Körperbau erkennen lässt. Sie sind gesellig und
hören auf ihren Bauch hören. Die muskulösen Mesomorphen hielt er für
körperlich fit, voller Energie, mutig und selbstsicher. Die langen, dünnen
Ektomorphen sind hingegen eher kopflastige, künstlerische und
introvertierte Menschen, die mehr über das Leben nachdenken, als dass
sie es ausschöpfen oder gestalten.
 
Während Kretschmer heute praktisch nur noch in der Psychologiege-
schichte erwähnt wird, wurden Sheldons Somatotypen in den USA nicht
vergessen. Das belegen vier Videos, die einen Überblick über die Typen
geben (Video_1), Sportler mit unterschiedlichen Somatotypen zeigen
(Video_2), die ZuschauerInnen beim Bodybuilding erfreuen (Video_3)
und somatotypenspezifische Diäten empfehlen (Video_4).
   
Quellen:
 
Arraj, Tyra und James, Tracking the Elusive Human, E-Book.
Kretschmer, Ernst, Körperbau und Charakter. Untersuchungen zum Konstitutionsproblem und zur Lehre von den Temperamenten. 25. ergänzte Auflage, Berlin/Heidelberg/ New York 1967
Matz, Bernhard Wilhelm, Die Konstitutionstypologie von Ernst Kretschmer. Ein Beitrag zur Geschichte von Psychiatrie und Psychologie des Zwanzigsten Jahrhunderts, Diss. FU Berlin 2003
Priwitzer, Martin, Ernst Kretschmer und das Wahnproblem, Diss. Tübingen 2004
 
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