Sozionischer Alltag zwischen Sankt Petersburg und Kiew

 
 
  Sozionische T-Shirt
 
Die Sozionik (1) als praktische Religion, Kunst und Wissenschaft
  
2004 erreichte das Forum einer russischen Sozionik-Seite ein Posting, der sich an die „Sozionische Kirche“ richtete. Diese satirisch gemeinte Anrede besitzt jedoch bestenfalls einen halben wahren Kern, denn der Sozionik fehlt jegliche ekklesiale Organisation. Von priesterlicher Hierarchie, festen Riten und verbindlichen Dogmen ist in den Weiten von Baltikum, Russland und Ukraine bis hin nach Kirgisien kaum etwas zu sehen. Das Leben der Sozioniker gleicht eher einer Heilsbewegung mit vielen kleinen lokalen Zentren, die kaum mehr an Gemeinsamkeiten teilen als einige Grundannahmen, die die „Erfin-derin“ Aushra Augusta um 1980 entwickelt hat. Ja, als Bonmots findet man sogar die Einschätzung, nach der jeder Sozioniker seine eigene Sozionik hat oder zu entwickeln versucht.
 
Entwicklung während der Transformationsperiode
 
Diese fragmentierte sozionische Bewegung ist ein Phänomen der Endphase des kommu-nistischen Systems. Viele ihrer Kennzeichen lassen sich so aus den unbefriedigten Bedürfnissen einer Gesellschaft erklären, die ihr Stereotyp von einem Idealmenschen zumindest gemäß ihrer Ideologie in einer Sozialutopie von Gleichheit und technischer Voll-kommenheit verwirklichen wollte. Dabei wurde der konkrete Mensch mit seinen individuellen Wünschen und Eigenschaften, die nicht in dieses Schema des Sowjetroboters passen wollten, vergessen, aber nicht ausgelöscht.
 
In jenen Jahren, als man auch in der Sowjetunion Bernes „Spiele der Erwachsenen“ las, blieb die Sozionik eine Variante dieser uralten Suche des Menschen nach Verständnis, Harmonie und Liebe. Diese Laienpsychologie fand mit ihrer Botschaft von einer psychisch gleich-wertigen Ungleichheit der Menschen und einer einfachen sozial-technischen Möglichkeit zur Verbesserung zwischenmenschlicher Be-ziehungen rasch zahlreiche Anhänger, vor allem unter den jünge-ren Intellektuellen an den Hochschulen, die anscheinend nur auf eine Methode gewartet hatten, die ihnen mehr Erkenntnisse über sich selbst und ihre Mitmenschen versprach. Die Sozioniker respektierten dabei die Grenzen der Freiräume. Man typisierte nicht nur sich, sondern auch seine Freunde und seine Bekannten, aber nicht die Herrschenden.
 
Da die Texte nur als Schreibmaschinenmanuskripte vorlagen, wurde die neue Botschaft von vor allem durch reisende Sozioniker verbrei-tet, die fernab von Vilnius ihre Vorträge und Kurse in zahlreichen Hochschulen hielten. Danach konnte sich dann jeder Teilnehmer fra-gen, ob er oder seine Freunde ein Hugo oder Jack war oder seine Bekannten vielleicht Hamlets oder Gabins.
 
Aber nicht nur das uralte Interesse am eigenen Wesen und dem der Mitmenschen trug zu den Erfolgen der Kurse bei, sondern auch die Verpackung der westlichen Psychologie Jungs in einer modernen, na-turwissenschaftlichen Sprache. Die Sozionik schlug so Brücken zwi-schen Osten und Westen, aber auch zwischen exakten und eher ver-stehenden Wissenschaften, sodass vor allem viele Mathematiker und Physiker auf diesem Weg ihr Interesse für die menschliche Psyche entdeckten.
 
Trotz des heute wachsenden Einflusses der westlichen Psychologie mit ihren empirischen Testmethoden und vielfältigen Therapieangeboten konnte die Sozionik den Untergang des Sowjetsystem überleben, ja, ihr wird sogar nicht nur von ihren eigenen Anhängern eine wachsende Bedeutung zugeschrieben.
 
Typisierungsspiele
 
Ausgangspunkt jeder Beschäftigung mit der Sozionik ist dabei die Typisierung, die jeder Interessierte zunächst erlernen muss. Dafür reichen die Informationen aus den Sozionik-Büchern keineswegs aus. Vielmehr sollen aufgrund dieser Vorkenntnisse konkrete, “vitale” Assoziationen gebildet werden, wie es die Sozioniker ausdrücken. Der Schüler muss die sechzehn Typen unter der Anleitung eines erfahrenen Sozionikers “in der Bewegung” sehen, also eine Vielzahl konkreter Menschen näher kennenlernen und einem der sechzehn Typen zuordnen. Dabei soll dann der Lehrer seinen Schüler auf einzelne Merkmale hinweisen und ihm erklären, was einen Ethiker oder Logiker ausmacht.
 
Leitfäden für diese Persönlichkeitsbeobachtungen liefern dabei die Texte von Jung und Aushra, aber auch vielfältige Ergänzungen durch den jeweiligen Lehrer, der die klassischen Kataloge nach seinen eigenen Erfahrungen ergänzt. Der vorrangige Blick richtet sich dabei auf den Gesichtsausdruck, das Outfit, die verwendeten Sprach-floskeln und einzelne Verhaltensweisen, wie etwas das Führen eines Terminkalenders oder die mehr oder weniger langfristige Planung des Urlaubs.
 
Die recht individuelle Weiterentwicklung der klassischen Beobachtun-gen kann dabei zu Schlussfolgerungen führen, die einem Stich-probentheoretiker die Haare zu bergen stehen lassen. So werden etwa in einem populären und bekannten Lehrbuch die Augen- und Haarfarbe als Merkmale einiger Typen angeführt; denn vermutlich hat die Autorin bei ihren Recherchen festgestellt, dass die drei oder vier ihr bekannten „Erfinder“ oder „Psychologen“ blaue Augen hatten.
 
Diese Sammlung von Stereotypen und ihre Verbindung mit den sechzehn Typen ist ein langer, schmerzlicher und daher nicht selten auch teurer Lernprozess, zumal in der Realität die angenommenen Mentalfunktionen unter Masken versteckt sind, mit denen jeder versucht, seine positiven Züge hervor zu heben und seine Schwächen zu verheimlichen. Ein angehender Sozioniker soll und muss daher unter der Anleitung seines Lehrers lernen, „tiefer“ zu sehen.
 
Aber schon vor Jahren konnte man auch erheblich komfortabler und preiswerter erfahren, wer man eigentlich ist. So bot ein „Typologe aus Sankt Petersburg, der zunächst anonym bleiben wollte, über das Internet seine Dienste an. Mit Hilfe von zehn Fotos wollte er den jeweiligen Typ bestimmen. Dabei ging er von sehr einfachen Regeln aus: Ist das Gesicht zwischen der Oberlippe und Augenbrauen „gefroren“, handelt es sich um einen Introvertierten; denn bei Extravertierten „atmet“ diese Partie und variiert im Zeitablauf. Die Sichtbarkeit der Zähne im Gespräch und beim Lächeln gibt Aufschluss über die Rationalität; und ein auffallender oder fehlender Schwanen-hals lässt unzweifelhaft die Frage nach einem eher intuitiven oder sensorischen Menschen beantworten. Verlässlicher wird dieses Urteil sogar noch bei Frauen, wenn sie geeignete Fotos übermitteln. Erin-nern die Brüste an Kugeln, kann es sich nur um eine Sensorikerin handeln, denn für intuitive Frauen sind seiner Meinung nach spitze Brüste typisch.
 
Als soziales Spiel war die sozionische Typisierung in diesen Jahren eine soziale Mode, mit der man sich gern auf Schulhöfen, im Freundeskreis und auf Partys beschäftigte. Ihre Popularität war dabei etwa mit der Astrologie in Deutschland vergleichbar, nur dass die Mitmenschen nicht als Jungfrauen oder Stiere, sondern als Hamlets oder Napoleons bezeichnet wurden.
 

Politische Aspekte der Sozionik  

 

Die Sozioniker waren jedoch nicht nur darauf fixiert, sich und ihre Mit-menschen zu typisieren. Ihr Loblied auf die individuelle Unterschied-lichkeit blieb nicht nur eine unterschwellige Kritik an der Gleich-heitsideologie des realexistierenden Sozialismus, sondern setzte sich auch in praktisches politisches Handeln um. So zählten Sozioniker zu den ersten gewählten Abgeordneten in den post-sowjetischen Parla-menten Lettlands und Russlands.

Kennzeichnend für die politische Konzeption der Sozionik ist eine Utopie über Hölle und Paradies, wie sie als besonderer sozionischer Humor erzählt wird. Danach ist dort das Paradies, wo ein Franzose Koch, ein Deutscher Ingenieur und ein Engländer Polizist ist, während die Welt dort zur Hölle wird, wo ein Engländer als Koch, ein Franzose als Ingenieur und ein Deutscher als Polizist arbeitet.

Rein wörtlich genommen blieb die Sozionik so unpolitisch, aber unterschwellig besaß sie ein deutliches kritisches Potenzial. Schließlich lassen sich ihre Prinzipien sehr leicht aus dem Privatbereich in andere Sphären übertragen, was dann ab der Gorbaschov-Ära auch geschah. So wurden das Sowjetsystem und seine Führer sozionisch aufgearbeitet, aber auch praktische Empfehlungen für Manager und Lehrer herausgegeben.

 
Die Sozionik heute
 
Victor Saenko (geb. 1964), der vor allem durch Reisen, auf denen er Vorträge hielt, Bücher verkaufte und Gespräche mit Sozionikern führte, mit eigenen Augen einen Einblick in die Situation gewonnen hat, schätzte 2008, dass etwa 0,05% der russischsprachigen Bevölkerung mit der Sozionik enger vertraut sind und damit das Potenzial für regionale Clubs und Kurse darstellen. Das wären in Russland insgesamt über 50.000 Interessierte, davon allein 5.000 in Moskau und 2.000 in Sankt Petersburg.
 
Auch wenn sich nicht alle Interessierte an realen sozionischen Veranstaltungen beteiligen dürften, geht Saenko von einem Clubpotenzial von ca. 20.000 Sozionikern aus. Nach dieser Faustzahl könnte daher jede Großstadt von mehr als 200.000 Einwohnern der Standort eines lokalen Sozionik-Clubs mit ca. 20 – 30 Mitgliedern sein.
 
Neben den Metropolen Moskau und Sankt Petersburg erfüllten daher im Jahr 2008 für Saenko auch die Millionenstädte Irkutsk, Jekaterin-burg, Nowosibirsk und Rostov diese Standortvoraussetzungen. Die beiden russischen Metropolen bieten somit die Bedingungen für ein breites Angebot an Clubs und Ausbildungs-instituten, was auch weitgehend realisiert wurde. So findet man in Moskau über zehn Clubs bzw. Institute.
  
Der Wandel der regionalen Zentren
 
Allerdings ist die Situation in Russland und der Ukraine keineswegs statisch. Vielmehr hängt die regionale Entwicklung stark von dem Engagement einzelner Sozioniker ab. In den letzten Jahren der Sowjetunion galt etwa die sibirische Metropole Novosibirsk als sozionisches Zentrum, da hier ein Institut für Sozionik gegründet wurde, an dessen Arbeit sich u.a. die bekannten Sozioniker Victor Gulenko und Igor Weisband beteiligten. Auch begann hier Ekaterina Filatova ihre Porträtsammlung der 16 sozionischen Typen. Ebenfalls wurde hier zwischen 1989 und 1990 eine sozionische Zeitschrift herausgegeben, bevor das Institut Mitte der 1990er Jahre seine Tätigkeit einstellte.
 
Dnepropetrovsk, die drittgrößte Stadt der Ukraine, wurde unter den Sozionikern einige Jahre später durch eine Zeitschrift, Konferenzen und nicht zuletzt das Typisierungsexperiment CPT-99 bekannt, in dem man sich 1999 mit empirischen Forschungsmethoden an die Probleme der sozionischen Typisierung wagte.
 
Auch in Kostroma, einer Großstadt des „Goldenen Rings“ nordöstlich von Moskau, bestand seit Mitte der 1990er Jahre ein sehr aktiver Club, in dem um die Jahrtausendwende u.a. eine Fußballmannschaft sozionisch analysiert wurde.
 
Während in diesen drei Städten die organisierte Sozionik an Bedeu-tung verloren hat, fand eine Konzentration auf die drei Metropolen Moskau, Kiew und Sankt Petersburg sowie in deutliche geringerem Maß die russischen Millionenstädte Jekaterinburg im Ural und Rostov-am-Don, das „Tor zum Kaukasus“ statt. Aber auch in kleineren Großstädten haben sich die Sozioniker organisiert. Das gilt etwa für Kaliningrad, das frühere Königsberg, wo seit 2010 erstmals ein sozionischer Club besteht.
 
Sozionischer Büchermarkt
 
Neben Vortragsreisen und informellen Gesprächen überzeugter Sozioniker mit ihren Freunden und Bekannten haben vor allem Buchveröffentlichungen die Leser für die Sozionik gewonnen.
Während die ersten Texte – so zahlreiche Studien von Augusta wie Die duale Natur des Menschen“ - zunächst nur als Abschriften vorlagen und dann mit der Verbreitung des Internets rasch als kostenlose Downloads zur Verfügung standen, kommen seit 1990 auch jährlich mehre Neuerscheinungen auf den Büchermarkt, sodass sich ein breiter Kreis sozionisch interessierter Leser gebildet hat, der zumindest ein paar Titel gelesen und ihre Empfehlungen in seinem Leben, sei es privat oder beruflich, einsetzt hat. Der Verlag Schwarzes Eichhörnchen hat sich seit 2003/4 mit seiner Edition „Sozionische Studien“ sogar auf sozionische Literatur fokussiert.
 
 
Sozionik-Bücher (Foto: A. Mitin)

Die Chefredakteurin Anna Mitrochin hat inzwischen das mediale Sozionikangebot durch einige populärwissenschaftliche Filme erweitert, so einen Film über den „Homo socionicus“, der vom Titel her eine Parallele zum modellhaften Menschenbild des Homo oeconomicus in den Wirtschaftswissenschaften herstellt.  

Die Kommerzialisierung der Sozionik
 
Die Sozionikwelt in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist heute durch eine Reihe verschiedener sozionischer Organisationsformen geprägt. Vom Namen her kann man dabei zwischen Clubs, Schulen, Zentren und Instituten unterscheiden, wobei sich der Begriff der Schule entweder auf unterschiedliche Richtungen in der Sozionik wie etwa die physiognomische Sozionik bezieht, oder auf einzelne Ausbildungseinrichtungen.
 
Typisch für die Anfänge der sozionischen Bewegung waren die wenig organisierten Treffen interessierter Sozioniker, wobei der Kreis um Augusta in Vilnius, der die Grundlagen der Sozionik erarbeitete, als Vorbild fungierte. So gründete Igor Weisband 1985 einen ersten sozionischen Club in Kiew, an dem sich auch Victor Gulenko beteiligte. An den Treffen im damaligen Kulturpalast der Backwarenindustrie Pishevik nahmen etwa zehn Interessierte teil.

Nach diesem Modell entstanden Clubs in zahlreichen Städten, in denen man sich traf, um gemeinsam das sozionische Wissen zu vertiefen, Vorträge zu organisieren und Typisierungsmethoden praktisch anzuwenden. Daneben kamen auch soziale Kontakte beim Tee und gemeinsame Aktivitäten außerhalb der Sozionik nicht zu kurz.

                                 

            Sozionisches Clubleben

Einige dieser Clubs betonten auch die Vermittlung sozionischen Kenntnisse an Einsteiger, sodass sie den Charakter von Schulen annahmen. Die meisten Bildungseinrichtungen dieser Art wurden jedoch zur Zeit der Jahrtausendwende von bekannten Sozionikern gegründet. Das galt vor allem für Moskau, Kiew und Sankt Petersburg, wo von der Einwohnerzahl her ein genügend großes Marktpotenzial für dieses Angebote besteht.
Einige dieser Sozionik-Schulen haben sich durch ergänzende Forschungsaktivitäten zu sogenannten Zentren und Instituten entwickelt, wobei die letzte Bezeichnung jedoch rechtlich umstritten ist.
  
Ein weiterer Schritt in der Kommerzialisierung besteht in der Gründung von Filialen der größeren Schulen, weil sich dadurch entsprechend dem ökonomischen Kalkül die Kosten etwa für Werbung und Unterrichtsmaterialien senken lassen. So hat die Sankt Petersburger Schule für physiognomische Sozionik Dependencen in den weißrussischen Städten Minsk und Brest sowie in Barnaul in der Altai-Region und im karelischen Petrosavodsk. Entsprechend ist das ebenfalls in der Newa-Stadt beheimatete Zentrum für Sozionik auch in Ekaterinburg, Perm und Tjumen, drei Großstädten im Uralgebiet, vertreten. Die von Elena Ulanova 1998 gegründete Hochschule für Angewandte Sozionik besitzt schließlich neben ihrem Stammsitz in Moskau noch Niederlassungen in den karelischen Städten Murrmansk, und Petrosavodsk sowie in Krasnodar und Rostov am Don in Südrussland.
 
Konsultationen und Kurse
Die sozionischen Angebote lassen sich exemplarisch an den entsprechenden Dienstleistungen des Moskauer Instituts für Sozionik und des von Vladimir Mironov geleiteten Sozionik-Zentrum in Sankt Petersburg veranschaulichen.
 
Das heutige Institut wurde 1997 als Schule gegründet und
bietet zum einen ausführliche Konsultationen an, die bis zu zwei Stunden dauern und ein Honorar in Höhe von 4.000 Rubel (ca. 100 €) kosten. In ihnen wird zunächst in einem diagnostischen Interview die Typzugehörigkeit ermittelt. Auf dieser Grundlage beantworten die Sozioniker anschließend Fragen des Klienten und geben ihm Empfehlungen für sein berufliches und persönliches Leben.
 
Zum anderen kann man sich in der Sozionik ausbilden lassen und sogar einen Bachelor-Abschluss erwerben. Das ist sogar durch einen Kompaktkurs innerhalb einer Woche in Moskau möglich. Die beiden hierfür erforderlichen Ausbildungsmodule kosten 24.000 Rubel (600 €).
 
Inzwischen hatte dieses Institut bereits über 5.000 Kunden, von denen 39 (Stand Oktober 2010) mit einem Bachelor-Grad abgeschlossen haben und teilweise als Sozioniklehrer im Institut oder an einer anderen Schule arbeiten. Visuelle und organisatorische Einblicke in die Sozionik-Ausbildung vermittelt die Homepage des Instituts von Tatjana Prokofieva (geb.1952).
 
Das Sankt Petersburger Zentrum, das aus der 2001 gegründeten  Arbeitsgruppe Sozionik des Instituts für Humanbiologie und Psychologie, hervorgegangen ist, bietet seit 2004 Seminare unter dem Titel "Sozionik von A bis Z" an, die als beliebtestes sozionisches Trainingsprogramm in Russland gelten. Der Unterricht erfolgt alle zwei oder drei Wochen jeweils samstags und sonntags zwischen 12 Uhr und 20 Uhr. Diese Kurse, die in Gruppen von 17 – 19 Teilnehmern stattfinden, dauern fünf Wochenenden. Für die 80 Unterrichtsstunden sind pro Wochenende 3.000 Rubel (75 € ) zu zahlen.
 
Wie bereits der werbewirksame Untertitel „Was nicht in den Büchern steht“ ankündigt, wird in diesem Kurs nicht nur ein umfassender Überblick über das theoretische Gerüst der Sozionik gegeben, sondern auch die Praxis der Typisierung intensiv behandelt.
 
Das gilt ebenfalls für eine weitere Vertiefung im „Meisterkurs für sozionische Diagnose“, in dem die Teilnehmer u.a. Interviews, Fotos von Verhaltensmustern und Texte auswerten. 
 
Auch hier ist zunächst eine Diagnose des Typs erforderlich, die mit 800 Rubel (20 €) berechnet wird.
 
Um die Preise und damit den potenziellen Adressatenkreis einschätzen zu können, darf man nicht vergessen, dass 2010 das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Russland bei ca. 500 € im Monat lag. Diese Preisrelation dürfte das große Interesse für sozionische Internetangebote und vor allem die Diskussionen in Foren erklären.
 
Sozionik im Internet
 
Heute spielt für die Verbreitung der Sozionik das Internet ein große Rolle. Und das gilt nicht nur für die physiognomische Auswertung von Fotos und inzwischen auch Videos.
 
Geht man nach der Popularität (2), so verdienen unter der Vielzahl der ca. 200 Internetseiten, die die Schulen und Clubs sowie einzelne SozionikerInnen in zahlreichen russischen und ukrainischen Städten betreiben, einige Seiten eine herausgehobene Beachtung, weil sie besonders häufig aufgerufen werden.
 
Dieses hohe Interesse gilt vor allem einem Datingangebot (3), das mit der eher theoretisch aus gerichteten Seite www.socionika.info und einem Forum auf www.socionik.com verlinkt ist.  Diese Seite, auf der auch ein Kurztest zur Verfügung steht, wird bereits seit 2000 bzw. 2001 von Vitali Vorobiev in Kiew betrieben. 
 

Mit gehörigem Abstand auf diesen Sozionik-Verbund aus der Ukraine folgt die Seite  www.socionics.org. Dieser seit März 2000 betriebene Veteran unter den Sozionik-Webseiten verfügt neben einführenden Beiträgen zur Sozionik sowohl über ein eigenes Diskussionsforum als auch über ein eigenes Datingangebot. 

Einen ähnlichen Rangplatz nimmt die Seite www.psychotype.ru ein,  die die von Timothy Dukhovskoy (geb. 1967) begründete Schule der physiognomischen Sozionik im Internet vorstellt. Dieser Typologe hat seine physiognomische Ausrichtung seit 1995 entwickelt und erstmals 2001 veröffentlicht.
 
  Timothy Dukhovskoy
 
Die Seite, die entsprechend ihrer physionomischen Ausrichtung reich mit Porträtfotos illustriert ist und vor allem weibliche User anspricht, verfügt über ein eigenes physiognomisches Forum und besitzt Links zu Youtube-Videos, in denen die sechzehn sozionischen Typen visuell vorgestellt werden. Dabei repräsentiert beispielsweise der deutsche Schauspieler und Kabarettist Ottfried Fischer den ethisch-sensorisch Introvertierten (ISFJj).
 
Inzwischen gibt es bereits eine Vielzahl von Videos, die speziell einzelne Typen visualisieren. Beispiele sind etwa Videos der konträren Typen INTP und ESFJ .
 
An Bedeutung haben in den letzten Jahren einige der von Oleg Hrulev (geb. 1977) administrierte Webseiten gewonnen. Dazu zählt mit socioforum.su, socio.su und socionic.ru eine Dreierkombination aus Forum, Datingangebot und Informationsportal. Daneben betreut Oleg Hrulev jedoch noch eine Vielzahl weiterer sozionischer und psychologischer Webseiten, darunter das im Mai 2006 von Dmitry Lytov übernommene internationale Angebot.
 
Beliebte Sozionik-Seiten in Russland
 

Webadresse

Alexa-Rang in Russland (15.1.2012)

Alexa-Rang in Russland (15.9.2013)

Angebotsschwerpunkt

www.socionika.info 

12.756

14.510

Portal

www.your-ideal.com 

15.336

28.166

Datingseite

www.psychotype.ru

18.585

83.349

Physiognomische Sozionik

www.socioforum.su   

19.700

21.835

Form

www.socionik.com

33.299

85.610

Forum

www.socionics.org

34.101

28.482

Portal/ Dating/ Forum

 
 
Insgesamt stoßen neben Einführungen in die Sozionik vor allem Datingangebote und Foren bei den meist jungen und häufig weiblichen Usern auf großes Interesse. Das gilt auch für die Typisierung von Prominenten, vor allem SchauspielerInnen, und die Suche nach einer „richtigen“ Selbsttypisierung. Eher theoretische Artikel über die Sozionik werden hingegen erheblich weniger gesucht. Das hat den Betreiber einer Seite auf die Idee gebracht, eine "Sozionik light" anzubieten.
 
Während der letzten Monaten konnten die führenden Sozionikseiten ihre alexa-Ränge mit Ausnahme von socioncis.org nicht verbessern. Sie haben vielmehr ihre Position weitgehend gehalten, wenn man einmal von dem Angebot der physiognomischen Sozionik absieht, das anscheinend inzwischen seinen besonderen Reiz verloren hat.
 
Sehr erfolgreich ist das 2005 von Oleg Hrulev gestartete Socioforum, das neben den üblichen sozionischen Forumsthemen auch als Informationsplattform für die Clubs und Schulen in den GUS-Staaten dient. Dabei wird diese Verbindung durch die Arbeit von Vertretern dieser Institutionen als Moderatoren organisatorisch sichergestellt.
 
Populäre russische Sozionik-Foren (2011-2)
 
Forum
Registrierte
Nutzer
Themen
Beiträge
16.000
170.000
1,3 Mio.
 9.000
150.000
1,3 Mio.
34.000
 36.000
1,4 Mio.
 
 
 
Über die speziellen sozionischen Datingangebote liegen nur sehr bedingt Zahlen über die aktiven Profilen in den jeweiligen Dateien vor, da über die Aktualität der ausgewiesenen Zahlen nichts ausgesagt wird. Anscheinend haben es diese Seiten schwer, gegen die beworbenen internationalen Anbieter zu konkurrieren, die teilweise sogar auf den Seiten der sozionischen Seiten ihre Anzeigen geschaltet haben. Da gilt auch für die relativ neue und modern gestaltete Seite Dualniy-brak.
 

Sozionische Datingsangebote (2013)

 

Webseite 

Alexa-Rang

(21.9.2013)

Profile/Mitglieder

(21.9.2013)

www.your-ideal.com

315.132

12.150

www.socinics.org/people

(384.116)

15.800

www.socionicsdating.com

10.221.008

800

www.dualniy-brak.com

3.453.858

 ?

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Durch die Internetaktivitäten hat sich ein deutlicher Generationswechsel unter den Sozionikern vollzogen; denn die Pioniergeneration wurde hier durch die wesentlich jüngeren Administratoren und vor allem die noch jüngeren und weiblicheren User der Foren und Datingseiten ergänzt.
 
Um hier eine erste Analyse der aktuellen Situation zu erreichen, erfolgen Bestandsaufnahmen der bisherigen sozionischen Typisierungen. Dabei sammelt man vor allem die Zuordnungen von Prominenten, um auf diese Weise festzustellen, welche Ähnlichkeiten oder Konvergenzen zwischen den unterschiedlichen Schulen bestehen und welche Übereinstimmungen es bei der Typisierung von Persönlichkeiten gibt, so dass sich sogenannte Referenz-Typen identifizieren lassen. So werden etwa mit 100%-igem Konsens unter den Sozionikern die Dichter Goethe und Shakespeare, aber auch Iwan der Schreckliche und Nero dem Typ Hamlet zugeordnet.
 
Die Zukunft der Sozionik 
 
Was spricht nun für die Sozionik? Sind es ihre Erklärungskraft und ihre Leistungsfähigkeit bei der psychosozialen Beratung? Oder ist es nur das Versprechen, für Partnerglück in einer idealen heilen Gesellschaft sorgen zu können, und das mit Hilfe einer technologisch einfachen Anordnung von vier Grafiksymbolen, die alle psychischen und sozialen Komplexitäten so übersichtlich machen?
 
Den Kern der Sozionik machen dabei das Modell des informationellen Metabolismus sowie die praktische Arbeit der Typisierung aus, auf der die individuelle Lebensberatung und die sozialtechnologische Nutzung vor allem im Bildungs- und Wirtschaftsbereich aufbauen.
 
Die harten Fakten der ersten Tests der Sozionik in der empirischen Realität sind auch für ihre eingefleischten Anhänger eher ernüchternd. So wird in der Typisierung gegenwärtig das Hauptproblem der Sozionik gesehen, da sich immer noch keine zuverlässige Methode zur Bestimmung der Soziotypen etabliert hat.
 
Um hier eine erste Analyse der aktuellen Situation zu erreichen, erfolgen Bestandsaufnahmen der bisherigen sozionischen Typisierungen. Dabei sammelt man vor allem die Zuordnungen von Prominenten, um auf diese Weise festzustellen, welche Ähnlichkeiten oder Konvergenzen zwischen den unterschiedlichen Schulen bestehen und welche Übereinstimmungen es bei der Typisierung von Persönlichkeiten gibt, so dass sich sogenannte Referenz-Typen identifizieren lassen. So werden etwa mit 100igem Konsens unter den Sozionikern die Dichter Goethe und Shakespeare, aber auch Ivan der Schreckliche und Nero dem Typ Hamlet zugeordnet.
 
Wichtige Rückschlüsse auf die Weiterentwicklung der Typisierungsmethoden erhofft man sich jedoch von besonders problematischen Fällen, da sich auf diese Weise mögliche Schwächen in den Zuordnungskriterien und Beschreibungen einzelner Soziotypen zeigen können. Das gilt etwa für besonders niedrige Konvergenzwerte beim Typ Dostojevskij.
 
In diese Projekte wurde inzwischen erhebliche Zeit und Mühe investiert, denn es liegen in Datenbanken bereits über 25.000 Typisierungen mit den entsprechenden Informationen vor.
 
Da die Sozioniker üblicherweise mit einer Typisierung ihrer eigenen Person beginnen, kann aufgrund dieser Daten auch den theoretisch erwünschten dualen Intimbeziehungen nachgegangen werden. Ein Blick in ein Sozionikerlexikon zeigt jedoch, dass für Sozionikerehe-paare Duale keineswegs die Regel, sondern bestenfalls die Ausnahme sind. 
 
Daraus darf man jedoch nicht schließen, dass die Sozionik für das Alltagsleben ihrer Anhänger keine Bedeutung hat. Vielmehr berichtet beispielsweise eine Kursteilnehmerin der Veranstaltung „Sozionik von A bis Z“, dass sie bereits auf der Heimfahrt nach der ersten Veranstaltung ihre Umwelt mit ganz anderen Augen gesehen hat. Für die Menschen auf der Straße und in der U-Bahn hatte sie nicht mehr den naiven Blick der Nicht-Sozioniker, sondern eine zuordnende Typisierungssicht. Der junge Mann wurde weniger im Hinblick auf Alter und Aussehen gemustert. Vielmehr fragte sie sich, ob es sich um einen Jessenin oder eine Hamlet handeln könne und wie dieser „Typ“ sich wahrscheinlich in Kontakten zu anderen Menschen verhalten würde.

In dieser sozionischen Weltsicht werden sogar Gefahren gesehen, wenn sie abtrünnige ehemalige Anhänger mit der Wirkung von Drogen vergleichen, für deren Heilung sich ein „Zentrum für psychologische Rehabilitation der Opfer von Typologien anbietet. Andere Ex-Sozioniker schreiben eher satirisch gemeinte Hymnen auf die Sozionik oder versuchen Glossen, in denen sie beispielsweise ein Kondoms nach sozionischen Regeln typisieren. Es soll übrigens ein Sherlock Holmes sein: extravertiert, sensorisch, logisch und rational.

Das sind jedoch eher Randerscheinungen, die sich auf Einzelaspekte des sozionischen Lebens beziehen. Auch bestätigen sie der Sozionik durchaus ein deutliches Gewicht im Leben zahlreicher Menschen. Das gilt allerdings weniger für theoretische Diskussionen, wie sie etwa auf Konferenzen geführt werden, als für eine Reihe praktischer Fragen, die vor allem in den Foren und auf den Datingseiten angesprochen werden.

Hierbei kann man zwischen eher esoterisch ausgerichteten Versuchen, die Verbindungen der Sozionik zu Astrologie, Graphologie, Reki, Tarot und Yoga herstellen wollen, auf der einen Seite und dem in den Büchern, Kursen und auf zahlreichen Webseiten vermittelten psychologischen Typisierungswissen unterscheiden. In diesem Bereich weist die Sozionik deutliche Analogien zum MBTI auf.
 
Beide Traditionen greifen auf Jung zurück und haben einen recht engen Bezug zur westlichen Persönlichkeitsforschung und psychologischen Praxis. Daneben bestehen zweifellos auch Unterschiede, und das nicht nur in den Methoden der Typisierung, die beim MBTI fast ausschließlich in standardisierten Tests bestehen, während die Sozionik stärker auf Informationen aus Alltagssituationen abstellt. So kann es nicht überraschen, wenn die Konvergenz zwischen beiden Typisierungsmethoden nur bei ca. 16 Prozent liegt, also deutlich unter der internen Übereinstimmung verschiedener sozionischer Richtungen.

Auch vielen Anhängern der Sozionik ist diese Situation durchaus bewusst, denn eine Anfang 2007 durchgeführte Internetumfrage ergab, dass die Mehrheit der Teilnehmer in der Sozionik einen Ansatz am Rande der Psychologie sieht, der bisher noch keinen wissenschaftlichen Rang beanspruchen kann. Dagegen reduziert nur eine deutliche Minderheit die Sozionik auf ein unterhaltsames Spiel, und praktisch niemand hält sie für eine wissenschaftlich verkleidete esoterische Sektiererei.

Ein besonderes Kennzeichen der Sozionik als einer sozialen Bewegung sind jedoch die Clubs, die man auch als Selbsthilfegruppen verstehen kann. Daher ist die Erforschung der eigenen Person nicht mit einem Test und der Information über eine Typzuordnung abgetan, sondern als ein Prozess der Persönlichkeitsfindung und -entwicklung zu sehen. Davon scheinen auch die teilweise stark frequentierten Foren im Internet zu profitieren.
 
Die Zukunft wird zeigen müssen, ob sich die Sozionik weiterhin auf dem Psychomarkt gegenüber den etablierten Wettbewerbern aus dem Westen und neuen Moden behaupten kann oder sogar auch außerhalb der ehemaligen Sowjetunion Anhänger finden wird. Wie die erfolgreiche Etablierung im Internet zeigt, bestehen dafür durchaus wichtige Voraussetzungen.
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1) Die Bedeutung der Sozionik im heutigen Russland belegen drei Artikel junger Journalisten, die im März 2011 auf dem deutsch-russischen Jugendportal To4ka-Treff veröffentlicht wurden. Darin wird die Sozionk kurz dargestellt, ein Überblick über die vier Dimensionen Jungs gegeben und eine Typisierung bekannter Persönlichkeiten wie Merkel, Putin und Till Schweiger sowie russischer Comicfiguren vorgestellt.
2) Die Popularität wurden nach Daten von www.alexa.com am 30.9.2011 ermittelt.
3) Maschinenübersetzungen ins Deutsche lassen sich mithilfe von Online-Übersetzungsprogrammen ausführen.
 
Quellen: Erwähnte Webseiten und private Kontakte

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